PETA, VIVA und Swingerclubs: die Blogschau
Babykram & Kinderkacke erklärt uns, wie wir über die Organisation “Adopt a revolution” Revolutions_patinnen für die Aktivist_innen des Syrischen Frühlings werden können (der im Text verlinkte Beitrag aus der ZDF Mediathek ist dort anscheinend leider nicht mehr verfügbar geht wieder).
Theoriehappen gefällig? autotrans* & w.i.r. schreibt über Gewalt durch Sprache und “Verbindungen von Rassismus und Transphobie in LSBTI- Zusammenhängen”.
Ich kann mich denkwerkstatt nur aus vollstem Herzen anschließen: Bitte alle die Golden Girls schauen!
Puzzlestücke zeigt, was Bügelperlen auch können
Afrikawissenschaft schreibt über die Dokumentation “Audre Lorde – The Berlin Years 1984 to 1992″, der dieses Jahr bei der Berlinale gezeigt wurde.
Nochmal Berlinale: Ingeborg Boxhammer berichtet in einem Gastbeitrag bei l-talk über die Filme, die sie gesehen hat.
Lena Schimmel analysiert die Frauenfeindlichkeit im neuen PETA Werbespot.
Die 2. Riot Grrrl Compilation zum freien Download verfügbar! Bitte einmal hier entlang.
“Ich sehe was, was du nicht siehst” heißt ein “Lightfaden”, der in Zusammenarbeit mit dem Genderkompetenzzentrum entstanden ist. In diesem werden unter anderem folgende Fragen geklärt: “Wie werden Diversitäten und Machtverschränkungen im Bild hergestellt? Warum ist eine Strichfigur automatisch ein Strichmännchen?” Mehr erfahren und den Comic bestellen könnt ihr bei 123comics
““Schwul” ist keine Beleidigung und sollte als solche auch nicht verwendet werden”, so das Statement vom Musiksender VIVA, nachdem dieser auf der zugehörigen facebook Fanpage hunderte entsprechender Kommentare gelöscht hat. Alexander von Beyme meint “Bravo, Viva”.
Katrin Schuster schreibt auf VOCER anlässlich des Falles eines Münchner Ehepaares, das in einer Sendung über Swingerclubs unverpixelt gezeigt wurde über die im Fernsehen allgegenwärtigen Kuppeleiformate und Sex-”Dokumentationen”.
Die Gitarre als Phallussymbol? Jap! Beweisfotos gibt’s bei ProChange.
milenskaya schreibt über eine etwas seltsame Printkampagne (“get noticed”) und Postfeminismus. Wie das zusammenhängt erfahrt ihr hier.
Termine haben wir wie immer nach dem Klick gesammelt:
Wien, 3. März: Die ARGE Dicke Weiber lädt ein zum Kleidertausch.
Berlin, 7. März: Podiumsdiskussion “Zwangsarbeit war weiblich” (Anmeldung erbeten bis 1. März!)
Hall in Tirol, 17. März: Workshop mit erfahrenen Strickistinnen zum Thema Guerilla Knitting.
Hamburg, ab 4. April: Ringvorlesung zum Thema “Jenseits der Geschlechtergrenzen” (bei Bedarf werden die Veranstaltungen von DGS-Dolmetscher_innen übersetzt)
Und noch ein Call for Papers für die Fachtagung “Intersektionelle Benachteiligung und Diskriminierung — Soziale Realitäten und Rechtspraxis”, die im Oktober in Graz stattfinden soll. Die Beiträge müssen bis 15. April eingereicht werden.
Nein, nein, das ist nicht Religion!
Asghar Ali Enineer bei seiner Keynote zum Symposium "Heimat - christlich - Abendland" in Dürnstein. Foto: WWW.PHOTO-GRAPHIC-ART.AT, mit frdl. Genehmigung.
Nun will ich aber auch noch etwas Inhaltliches zu diesem Symposium schreiben, an dem ich derzeit teilnehme. Das Thema lautet „Heimat – christlich – Abendland“, und es geht um eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Trends auf konservativer Seite, „Werte“ (zumal christliche) zu instrumentalisieren, um Fremdes abzuwehren oder nationalistische Politik zu betreiben. Ich habe in den vergangenen Tagen schon so viel Interessantes gehört, dass ich gar nicht recht weiß, wo anfangen, ich brauche sicher noch ein paar Blogposts, um das zu verarbeiten.
Also fange ich einfach mit der Keynote an. Die hielt Asghar Ali Engineer, ein im interreligiösen Dialog engagierter Muslim aus Indien, der eingeladen war, weil man in Indien ja deutlich mehr Erfahrung mit Multikulturalität und Multireligiosität hat als ein unseren trotz mancher Verschiebungen doch immer noch kulturell sehr homogenen Gesellschaften in Deutschland bzw. Österreich.
Engineer hat eine klare Position, die ich sehr sympathisch finde, wobei aber noch ein paar Fragen offen bleiben. Seiner Ansicht nach ist Religion etwas radikal Individuelles und muss von Politik klar getrennt sein. Sobald sich Religion als Institution oder auch nur als Gruppe organisiert, ist sie mehr an ihrer Macht und ihren Interessen orientiert als an religiösen Werten. Und damit ist sie für Engineer eigentlich keine Religion mehr.
Er versteht es sehr gut, das immer wieder an Beispielen anschaulich zu machen: Solange es Hunger und Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt gibt, sollen religiöse Menschen sich erst einmal darum kümmern, das abzuschaffen, anstatt über Gott oder unterschiedliche religiöse Konzepte zu diskutieren.
Vier Grundhaltungen braucht ein religiöser Mensch, um bei Engineer als solcher durchzugehen: Respekt für die Wahrheit, Demut (Humbleness), aktives Mitgefühl (Compassion) und „Subversivität“, weil sich ein religiöser Mensch gegen Ungerechtigkeit engagiert und damit unweigerlich die bestehenden weltlichen Institutionen unterhöhlen muss. Beispiele für solche wahrhaft religiösen Menschen sind für ihn Buddha, Jesus, Mohammed, Ghandi. Sie alle hätten tätig religiös gelebt und keine religiöse Institution begründet. Die das hinterher in ihrem Namen gemacht hätten, seien nicht wirklich religiös.
Hierin zeigt sich schon, dass der Hinweis, Religion müsse „unpolitisch“ sein, sich für ihn nur auf das politische Agieren von religiösen Gruppen bezieht. Religiöse Individuen hingegen werden eminent politisch handeln, um die Welt besser zu machen.
Ganz ähnlich wie Engineer argumentierte auch die indonesische Muslimin Siti Musdah Mulia, die in ihrem Vortrag unterschied zwischen einer „intrinsischen“ und einer „extrinsischen“ Religiosität, also einer, die aus eigener innerer Motivation hervorgeht und einer, die aus äußerem Druck resultiert.
Mir ist diese Position, wie gesagt, sehr sympathisch, schließlich denke ich, dass die Institutionen, so wie wir sie kennen, ohnehin ihrem Ende zugehen. Allerdings erinnerte ich mich dabei auch immer ein bisschen an dieses Kommunismus-Plakat, das bei allen negativen Aspekten immer zu der Aussage „Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!“ führt.
Ist es nicht etwas zu einfach, einfach allen problematischen Erscheinungsformen von Religion das Religionsein abzusprechen? In dieser Frage zeigt sich natürlich auch, dass unsere gesellschaftlichen Kontexte sehr verschieden sind. Engineer und Mulia sprechen vor dem Kontext von Gesellschaften, in denen Atheismus praktisch nicht existiert. Das Problem sind hier feindselige und gewalttätige Auseinandersetzungen, die mit religiösen Argumenten bemäntelt werden. „Nein, nein, das ist nicht Religion!“ ist da ein guter Einwand.
In Deutschland oder Österreich hingegen gibt es praktisch keinen äußeren Druck mehr, der Menschen dazu zwingt, religiös zu sein. Hier sieht sich Religion atheistischen Gegenfragen ausgesetzt, die logischerweise nicht die innere spirituelle Aufrichtigkeit einzelner Menschen problematisieren, sondern die äußerlichen Erscheinungsformen von Religion in Form von Schulunterricht, Kirchensteuern oder Anti-Abtreibungs-Kampagnen zum Beispiel.
„Nein, nein, das ist keine Religion!“ wäre da ein Scheinargument, das nicht plausibel ist. Man muss hierzulande als religiöser Mensch auch Verantwortung für die Fehler religiöser Institutionen übernehmen.
Morgen früh bin ich noch einmal bei einem Abschlusspodium mit Asghar Ali Engineer und mit Siti Musdah Muliah, vielleicht können wir das Thema der Institutionalisierung von Religion da noch einmal ansprechen.
(Falls jemand zufällig in der Nähe ist: Morgen, Sonntag, 26. Februar, 10.30 Uhr, Stift Dürnstein, Dürnstein in der Wachau, Niederösterreich)
Luxusprobleme
Mein nasser Bademantel wartet, bis der Blogpost fertig ist. Im Hintergrund die Donau.
Heute morgen war ich schwimmen. In einem auf 29 Grad beheizten Außenpool auf dem Hoteldach, mit Blick über die Donauhügel. Das Hotel, in dem ich als Referentin von den Veranstaltern eines Symposiums untergebracht wurde, hat so einen. Ich war ganz allein. Es war atemberaubend schön.
Natürlich dachte ich sofort: Wie pervers ist das denn! Wir haben Energiekrisen und hier wird ein 1,40 Meter tiefer Pool so aufgeheizt, dass Madame Antje vor dem Frühstück ein paar Runden in frischer Luft kraulen kann.
Luxusprobleme.
Normalerweise gibt es bei uns zwei Alternativen, wie Leute damit umgehen: Moral und Ingnoranz.
Die Moral sagt: Das ist böse, das darfst du nicht machen, oder wenn, dann nur mit schlechtem Gewissen. Du verbrauchst Ressourcen, die eigentlich anderen gehören. Du musst, um ein guter Mensch zu sein, gegen solche Ungerechtigkeiten kämpfen. Am Besten gehören beheizte Außenpools im Winter gleich ganz verboten.
Die Ignoranz hingegen – die meiner Ansicht nach eine Reaktion auf Moral ist – ignoriert das Problem. Sie denkt sich Rechtfertigungen aus, die die Illusion erzeugen, es gäbe gar kein ethisches Dilemma. Zum Beispiel: Das hab ich mir verdient. Ich hab ja dafür bezahlt. Dieser beheizte Pool kurbelt den Tourismus an und sichert Arbeitsplätze. Wenn die Leute sich nur mehr anstrengen würden, könnten sie auch in einem beheizten Außenpool schwimmen.
In der Realität treten Moral und Ignoranz sogar meistens gleichzeitig auf. Man redet bei dem einen Problem moralisch und handelt bei dem anderen Problem ignorant, oder – noch schlimmer – redet öffentlich moralisch und handelt insgeheim ignorant.
Hier eine Alternative, die ich mir heute im Pool zu der falschen Wahl zwischen Moral und Ignoranz ausgedacht habe.
Und zwar habe ich mir überlegt, dass man solche Luxusmomente mit Dankbarkeit genießen sollte und in dem Bewusstsein, dass man jetzt ein unfassbares Glück hat. Also wissend, dass man hier etwas genießt, völlig unverdient, worauf man kein Recht und keinen Anspruch hat.
Jedenfalls hatte ich den starken Drang, beim Hin- und Herschwimmen ständig zu rufen „Wow, ist das schön!“ Meiner Ansicht nach ist das eine mögliche Übersetzung von „Danke“, das als Wort wie als Konzept heute ja etwas antiquiert klingt.
Luxus ist etwas Schönes, weil es einfach Dinge auf der Welt gibt, die so unglaublich schön sind, dass sie das „Normale“ übersteigen. Und es stimmt nicht, dass das nur in der Natur oder in spiritueller Innerlichkeit erfahren werden kann. Nein, die von Menschen erfundenen Luxusgüter wie etwa beheizte Außenpools spielen da eine Rolle. Luxus ist hergestellt, ein Produkt.
Luxus bedeutet aber auch, dass diese Dinge selten sind, die Ausnahme von der Regel. Jeden Tag in einem beheizten Außenpool zu schwimmen, das wäre wirklich pervers. Man kann keine Umverteilung von Luxus auf alle fordern, wie man Umverteilung von Brot und Grundeinkommen auf alle fordern kann.
Und noch etwas: Damit Luxus „ethisch okay“ ist, muss wirklich der Genuss im Vordergrund stehen und nicht die soziale Distinktion, also das Sich über andere Stellen. Bei dem meisten, was heute als „Luxus“ gehandelt und verkauft wird, ist es genau andersrum. Wenn man also schon etwas verbieten will, dann Werbung, die nicht mit der Schönheit der Dinge wirbt, sondern mit dem sozialen Status, der damit verbunden ist. Die ist nämlich pervers.
Aber wenn diese drei Punkte bedacht sind: Man ist dankbar für das Großartige, das man momentan genießt, man macht sich klar, dass das ein Glück ist und dass man das nicht selbst verdient hat, und man genießt wirklich die Sache als solche und nicht das „Mehr wert Sein“ als die anderen – dann ist Luxus wirklich okay.
Und in diesem Sinn will ich Luxus für alle. Genau so, wie wir ja auch alle Königinnen sind.
(Ähnliches Thema: Die Regeln der anderen)
Noch fix anmelden: Frauen in der Wissenschaft
Kurzentschlossenen Technik-Student_innen der TU Berlin steht vor dem Semesterbeginn noch ein Blockseminar ins Haus: „Was haben Natur- und Technikwissenschaften mit Gender zu tun?“ Für die Veranstaltung im März ist der Anmeldeschluss am 27. Februar, im Sommersemester wird es die Veranstaltung noch einmal geben. Das Seminar ist Teil des Programms „Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften. Technik – Wissenschaft – Praxis“ für Studierende und Promovierende mathematischer, ingenieur-, natur- und technik- wissenschaftlicher Fächer – wer auch die weiteren Seminare belegt, kann mit einem Zertifkat zu Gender- und Diversitykompetenzen abschließen.
Am 6. März diskutieren in Berlin Vertreter_innen von Forschungsorganisationen über die Förderung von Frauen in der Wissenschaft. Darunter sind Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und die Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen. Bei den Problemen, Karriere in der Wissenschaft zu machen, soll es auch um die Hürden für Männer gehen – ob damit wohl die Vereinbarkeit von Familie und Job gemeint ist? Die Anmeldefrist ist der 28. Februar.
Das Ende des Heterosexismus?
Homophobie verschwindet immer mehr. So jedenfalls das Fazit, das Soziologe Mark McCormack gegenüber Salon.com zieht. Genauer gesagt geht es um die Ergebnisse einer Studie, die McCormack an britischen Schulen durchgeführt hat und die er nun als Buch veröffentlicht. Ein Jahr lang hat er die Interaktionen von männlichen britischen Teenagern beobachtet und dabei entdeckt, dass “schwul” (gay) als Schimpfwort nur noch sehr, sehr selten vorkommt. Dies sieht er als Hinweis, dass Homophobie im Allgemeinen rückläufig sei. Im Interview gibt er zu, dass die USA im Vergleich zu Großbritannien Jahre hinterher hinken – auch durch die unterschiedlich starke christliche Rechte. Doch verschwindet Homophobie wirklich? Ich wünschte es wäre so.
Ich frage mich, wie die Zahlen in Deutschland aussehen. Ich kann zumindest unter Leuten meines Alters oder jünger nicht feststellen, dass “schwul” als Schimpfwort rückläufig ist. Es ist immer noch im Gebrauch – wie auch das ableistische “behindert”.
Außerdem, selbst wenn die Gesellschaften weniger homophob werden, so sind sie doch noch immer zu homophob oder heterosexistisch. Es sagt auch einiges aus, dass seine Studie sich mit Männern und Beleidigungen gegenüber männlichen Homosexuellen befasst. Die Sache sieht wahrscheinlich für lesbische Frauen – die Art des Heterosexismus ist anders, zudem kommt noch Sexismus hinzu – und bisexuelle Menschen ganz anders aus. Und die Lage für Trans*menschen ist … furchtbar.
Ich würde McCormack vorsichtig zustimmen, wenn er sagt, dass einige Kämpfe gewonnen werden. Die Sache ist nur die – die Kämpfe, die gewonnen werden, gehen um Dinge, die im 21. Jahrhundert mehr oder wenig selbstverständlich sein sollten. Zum Beispiel gleichgeschlechtliche Ehe: Es ist toll, dass sich die Dinge zum Guten wenden in dieser Angelegenheit. Ich möchte auch die Bedeutung von gleichgeschlechtlicher Ehe nicht kleinreden, ich unterstützte die Gleichheit in der Ehe voll und ganz und es gibt in diesem Bereich auch noch viel zu tun. Aber die Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe ist doch verhältnismäßig – hier fehlt mir das richtige Wort – einfach. Viele Menschen können verstehen, wieso das wichtig ist – im Grunde genommen geht es doch nur darum, eine gut eingeführte Institution für mehr Leute zu öffnen. Leute, die sind “wie du und ich”, außer dass sie eben schwul oder lesbisch sind. Dies ist ein überfälliger Sieg.
Es ist eine Schande, dass generelle Gleichheit in der Ehe noch nicht erreicht ist – weil es für die Gesellschaft noch beschämendere Dinge gibt, gegen die es zu kämpfen gilt: Rape culture. Ausradierung von Identitäten. Diskriminierung queerer Lebensentwürfe. Benachteiligung außerehelicher Beziehungsmodelle. Die vielen, vielen furchtbaren Dinge, gegen die Trans*menschen noch immer kämpfen. Für mich ist die Vorstellung, dass meine Identität von der Gesamtgesellschaft negiert, ausradiert wird noch viel schlimmer als die Vorstellung, dass ich nicht heiraten darf.
Aber offensichtlich müssen erst diese verhältnismäßig kleineren Kämpfe wie die Öffnung der Ehe gewonnen werden, bevor wir die ganz großen Probleme angehen können. Homophobie und Heterosexismus gehen vielleicht langsam zurück – Trans*phobie noch längst nicht.
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Männliche Vergewaltigungsopfer? Dänemark diskutiert
Verena Haßler ist vor eineinhalb Jahren nach Dänemark gezogen, wo sie für ihr Studium bevorzugt europäische Fragestellungen aus der Genderperspektive heraus analysiert. Im Moment schreibt sie an ihrer Masterarbeit über Intersektionalität in der Kommunalpolitik im deutsch-dänischen Vergleich. Sie freut sich, dass in ihrer Wahlheimat feministische Diskurse eine vergleichsweise breite Öffentlichkeit mit einschließen, beobachtet aber mit Sorge, wie das ehemalige Vorreiterland gleichstellungspolitisch immer mehr den Anschluss an seine skandinavischen Nachbarn verliert. In ihrer Freizeit trainiert sie Taekwondo und arbeitet ehrenamtlich für das Frauenmuseum in Aarhus.
[Triggerwarnung] Ein sexualisierter Übergriff in der dänischen Version der Reality-TV-Show “Paradise Hotel” (Staffel 8, Folge 9) hat in der letzten Woche zu heftigen Diskussionen in den dänischen Online-Medien geführt. Paradise Hotel ist ein Reality-TV-Format, das ursprünglich aus den USQ stammt und gezielt auf die Überschreitung sexueller Grenzen setzt. Eine Gruppe von Single-Frauen und –Männern konkurriert darum, bis zum Ende der Show in einem Luxus-Hotel in südlichen Gefilden bleiben zu dürfen. Unter anderem werden die teilnehmenden Männer und Frauen jede Woche zu Pärchen zusammengesetzt, die dann ein Hotelzimmer teilen müssen.
In der besagten Ausstrahlung sieht man, wie Show-Teilnehmer Julian betrunken auf einer Bank einschläft. Dort entdecken ihn zwei andere Teilnehmerinnen, die sich ihm mit den Worten “Sollen wir ihn vergewaltigen?” nähern. Eine der jungen Frauen setzt sich rittlings auf ihn, während die andere versucht ihn zu küssen und schließlich seine Genitalien berührt. Im weiteren Verlauf öffnet Julian schließlich die Augen und schläft nach einem kurzen Gespräch mit einer der Frauen zusammen mit ihr ein.
Der Programmdirektor von TV3 erklärte, die Szene sei senderintern diskutiert worden. “Vergewaltigung” sei ein heftiger Begriff, man sei sich jedoch einig gewesen, dass es sich in diesem Fall bloß um einen Begriff aus dem “Mädchenjargon” der Teilnehmerinnen gehandelt habe, die ja mehrmals darüber gesprochen hätten, dass sie sich gerne “auf die Jungs stürzen” wollen. Eine fragwürdige Begründung, wenn man mich fragt, fast so verharmlosend wie die Aussage eines anderen Debattenteilnehmers, wonach angeblich alle Männer gern von zwei hübschen Mädels “vergewaltigt” werden wollen, und wonach man eben akzeptieren müsse, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern und deren Rolle im sexuellen Zusammenspiel gäbe.
Angestoßen wurde die Diskussion von Jakob Engel-Schmidt, Abgeordneter für die liberal-bürgerliche dänische Partei “Venstre”, der sich in der Tageszeitung Politiken über das Schweigen empörte, das der Ausstrahlung der Sendung folgte. Hätte es sich um einen sexualisierten Übergriff auf eine Frau gehandelt, argumentiert er mit Verweis auf den Vergewaltigungsfall in der brasilianischen Version von “Big Brother”, so hätte die Redaktion des TV-Senders TV3 sich vor Klagen nicht retten können. Damit hat er vermutlich Recht, die Sendung wäre wohl gar nicht erst in dieser Form ausgestrahlt worden.
Unverständlich dagegen sein Vorwurf an die “rotbestrumpften Genderaktivisten” (er meint die dänische Frauenbewegung aus den 70igern), die sich “lieber mit dem Recht von Jungs, im Kindergarten mit Plastikpistolen zu spielen und dem ewigen Lied von den Frauenquoten” beschäftigen, statt mit Übergriffen auf Männer im Live-Fernsehen. Schade, wenn ein wichtiges Thema wie sexualisierte Gewalt (unabhängig von den involvierten Geschlechtern), das selbstverständlich die gesamte Gesellschaft betrifft, dazu missbraucht wird, einen Rundumschlag gegen die eigenen Feindbilder zu nutzen. Denn schließlich geht es hier nicht darum, dass die angesprochenen Feministinnen diesen Übergriff befürwortet oder in Frage gestellt hätten – sondern lediglich darum, dass die entsprechenden Gruppen ihre Arbeitschwerpunkte selbst wählen und sich nicht automatisch zu allem äußern, was irgendwie mit Sex, Geschlecht und Gewalt zu tun hat.
Die Bewertung des fraglichen Vorfalls ist naturgemäß schwer, weil es sich bei “Reality-TV” ja keineswegs um “authentische” Bilder, sondern um bewusst ausgewählte Inszenierungen handelt. Auch die Aussage von Julian selbst, demzufolge der Vorfall kein Übergriff gewesen sein könne, da er dabei ja sichtlich körperlich erregt worden wäre und zudem jetzt mit einer der jungen Frauen zusammen sei, ist da wenig hilfreich. Ohne dem Betroffenen das Recht absprechen zu wollen, den Vorfall im Nachhinein für sich zu interpretieren, ist eine sexuelle Handlung an einer schlafenden bzw. durch Alkohol außer Gefecht gesetzten Person in meiner Wahrnehmung in diesem Moment immer ein Übergriff, weil die Person kein Einverständnis geben kann.
Malin Schmidt verweist in ihrem Kommentar für die Tageszeitung Information auf die grundsätzliche Problematik, die über den Einzelfall hinausweist. Für sie liegt das eigentliche Problem darin, dass es für Männer entsprechend der herrschenden Normen peinlich ist, Opfer zu sein. Sie ist sich sicher, dass eine entsprechende Szene mit umgekehrten Geschlechterrollen niemals im Fernsehen ausgestrahlt worden wäre. So sei der Vorfall jedoch nicht als Übergriff gedeutet worden, da bestimmte Normen im Vorhinein als feststehend angesehen wurden:
Frauen sind passiv, Männer sind aktiv. Männer ergreifen die Initiative, Frauen halten sich zurück. Männer begehen Gewalttaten, Frauen sind Opfer von Gewalttaten. Und Männer können niemals Opfer sein, nicht einmal wenn sie schlafen. (…) Die Opferrolle ist die der Frau. Ein echter Mann kann nicht verletzt werden, und deshalb braucht es ein Frauennetzwerke und Frauenzentren um sich seiner Sache anzunehmen, falls dies entgegen aller Erwartungen doch einmal passieren sollte. Männerzentren, die sich um verletzte Männer kümmern, gibt es nicht im heutigen Dänemark. Das ist Gleichstellung im Jahr 2012.
Wünschenswert wäre also, wenn sich die öffentliche Debatte weg von der Frage “Übergriff oder nicht?” zu einer ernsthaften Diskussion über Männlichkeitsnormen und die Definition von “Opfer” bzw. “Opferrolle” bewegen würde. Das kann und darf aber nicht (allein) in der Verantwortung von Feminist_innen liegen, sondern hier muss sich die gesamte Gesellschaft, insbesondere der Teil, der sich als männlich definiert, engagieren.
Zu zögerlich, zu wenig – die Empfehlungen des Ethikrats zu Intersexualität
Für den Umgang mit intersexuellen Kindern hat der Deutsche Ethikrat heute seine Empfehlungen (PDF) veröffentlicht. Darunter sind einige gute Ansätze, die die tagesschau auflistet:
Für die künftige Behandlung empfiehlt das Gremium Kompetenzzentren, Betreuungsstellen sowie Aus- und Weiterbildung für medizinisches Personal. Um Entschädigungsansprüche durchzusetzen wird eine Ombudsperson empfohlen. Zudem sollten die Verjährungsfristen für straf- oder zivilrechtliche Ansprüche ausgedehnt werden. Nach Operationen, die die sexuelle Selbstbestimmung verletzt haben, sollten die Fristen bis zum 18. beziehungsweise dem 21. Lebensjahr ausgesetzt werden.
Auch die Überarbeitung der Geschlechtseinträge in Pass und Personalausweis wird angeregt und die Einführung einer dritten Kategorie neben Mann und Frau vorgeschlagen – sollte sich dies durchsetzen, müssten sich die Betroffenen allerdings mit eingetragenen Lebenspartnerschaften zufrieden geben. Damit beginnen auch die Probleme des Berichts. Intersexualität wird weiter pauschal als Krankheit eingestuft, die es bereits bei Babies zu behandeln gilt, so die Zeit.
Geht es nach dem Ethikrat, wird sich an dieser Definitionshoheit von Medizinern und Erziehungsberechtigten jedoch nichts ändern. Zwar heißt es in der Stellungnahme, über solche Eingriffe sollten die Betroffenen grundsätzlich selbst bestimmen. Operationen beispielsweise an Babys hält das Gremium jedoch für vertretbar, wenn sie “aufgrund unabweisbarer Gründe” für das Kindeswohl “erforderlich” seien. Welche Gründe das – neben Gefahren für Leib und Leben – sind, bleibt offen.
Weitestgehend unbeachtet bleiben damit die Forderungen von Betroffenenverbänden. Nicht ganz verwunderlich, denn bereits das Aufgreifen des Themas erfolgte mehr als zögerlich, wie zwischengeschlecht.info moniert:
Auch dass der Deutsche Ethikrat nun heute eine Stellungnahme präsentiert, geschah letztlich erst, nachdem sich Betroffene an das UN-Komitee CEDAW wandten und dieses 2009 die Bundesregierung zum Handeln aufforderte. Eine Kritik, die erst letztes Jahr das UN-Komitee gegen Folter erneut bekräftigte. Auch der UN-Menschenrechtsrat wird sich dieses Jahr zum ersten Mal mit diesem Thema befassen. Laut BMBF-finanzierten Studien werden heute noch 90% aller Betroffenen im Kindesalter oft mehrfach irreversibel kosmetisch genitaloperiert.
Trotz der Ansätze, Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen, wird die Praxis der „geschlechtszuweisenden“ Operationen faktisch zementiert. Das werde Aktivist_innen empören, befürchtet die Zeit. Zu Recht, wie bereits die Presseerklärung (PDF) der Internationalen Vereinigung Intersexueller Menschen zeigt.
Ethikrat veröffentlicht Stellungnahme zu Intersexualität.
Ethikrat veröffentlicht Stellungnahme zu Intersexualität.
Die Stellungnahme ist hier zu finden.
Eine Pressemitteilung der Internationalen Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) dazu findet sich hier.
Das Make Out Magazine zeigt der Heteronormativität den Mittelfinger
Im vergangenen Jahr erblickte ein neues queer-feministisches Magazin das Licht der Welt. Die erste Ausgabe des Make Out Magazine (kurz: MOM) mit dem Titelthema NERD feierte seine Premiere auf dem Berliner ZineFest. Demnächst soll die zweite Ausgabe erscheinen. Wir sprachen mit zwei Redaktionsmitgliedern über die Entstehungsgeschichte des Heftes, unterstützenswerte Projekte und queer-feministische Ideen im heteronormativen Mainstream.
Was ist MOM? Was macht MOM besonders?
MOM steht für Make Out Magazine, ein Name der für uns auf zwei Ebenen funktioniert. Zum einen hat er eine gewisse sexy Komponente im Sinne von Rummachen, Rumknutschen. Zum anderen steht “make out” aber auch dafür etwas am Horizont auszumachen und auf neue Strömungen und Geschehnisse hinzuweisen, die von der Mehrheitsbevölkerung vielleicht nicht sofort wahrgenommen werden.
Wir kommen alle aus unterschiedlichen queer-feministischen Hintergründen und uns war es wichtig mit dem Heft verschiedene Dinge zu verbinden: Wissenschaft und Kunst, Alltagserfahrungen und Gesellschaftskritik, Musik, Kreativität und noch vieles mehr. Die Texte sind auf Englisch und auf Deutsch, jeweils mit einer kurzen Zusammenfassung in der jeweils anderen Sprache, um ein bisschen was von dem Feeling in Berlin wiederzugeben, das ja auch sehr vielsprachig ist. Außerdem wollten wir auch außerhalb des lokalen Kontextes kommunizieren können und Menschen und Perspektiven aus anderen Teilen der Welt einbeziehen.
Wie oft erscheint ihr?
Das Make Out Magazine erscheint halbjährlich und jede Ausgabe hat ein Thema, das nicht das gesamte Heft ausmacht, aber doch die Möglichkeit gibt sich intensiver und aus verschiedenen Perspektiven mit einem Thema auseinander zu setzen. Die erste und aktuelle Ausgabe erschien im November 2011 und hat das Thema NERD. Das nächste Heft, mit dem Thema HEIDI, soll im Mai erscheinen. In jedem der Hefte gibt es außerdem ein paar wiederkehrende Elemente, wie z.B. ein Mixtape, dass in der letzten Ausgabe von Lynn von Homoground zusammengestellt wurde, oder Betty’s Page, auf der Betty großartige Bastelanleitungen zum jeweils aktuellen Thema beisteuert.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Erzählt ein bisschen was zu eurer Entstehungsgeschichte…
Die Idee gemeinsam ein Zine zu starten, kam eigentlich von Dana Krusche. Das war irgendwann Ende 2010 bei einem Konzert im Schokoladen in Berlin Mitte. Zoé und Joey kannte ich beide, weil sie bei einem anderen Projekt von mir, transnational-queer-underground.net, mitgemacht hatten. Wir haben uns dann relativ oft getroffen, um überhaupt erstmal auszuloten, wo wir hin wollten, damit das Ergebnis für alle zufriedenstellend wird und natürlich um einen Namen zu finden. Wir haben viele andere Magazine studiert und es war uns allen besonders wichtig unabhängig zu bleiben, d.h. keine Werbung zu schalten, was natürlich ein größeres finanzielles Risiko für uns bedeutete.
Außerdem sollte das Make Out Magazine Raum bieten, um verschiedene selbstorganisierte Projekte vorzustellen, weil es so viele tolle Menschen gibt, die Projekte auf die Beine stellen, aber denen dennoch relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im letzten Heft waren da z.B. Electricdress, die eine Bastelanleitung beigesteuert haben, die erklärt wie mensch aus einem alten Handy einen Roboter machen kann, das Ruby Tuesday Girls Rock Camp hat sich vorgestellt und wir haben einige Bilder und Gedichte von der Papierflieger Co-op und Katja von Helldorff veröffentlicht. Im nächsten Heft wird u.a. die GEGEN Party-Reihe vorgestellt, wofür ich ein Interview mit Warbear, einem der Organisatoren gemacht habe. Vielleicht steuert Bildwechsel etwas für die nächste Ausgabe bei. Sie haben nicht definitiv zugesagt, waren aber interessiert oder Hanno Stecher stellt das Queer Film Archiv vor, was sich in Berlin gerade im Aufbau befindet.
Welche Zielgruppe wollt ihr ansprechen?
Ich würde nicht sagen, dass wir explizit eine bestimmte Zielgruppe ansprechen wollen, sondern uns viel mehr darüber freuen, wenn MOM bei Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen auf Interesse stößt, um über gesellschaftliche und insbesondere queer-feministische Zusammenhänge zu informieren, zu kritischem Denken anzuregen, zu vernetzen und zu inspirieren. Trotzdem war, wahrscheinlich durch die eigene Verwurzelung, die ganze Zeit klar, dass das Heft von und für die queere Community entstehen sollte, natürlich in der Hoffnung auch Menschen außerhalb dieses Kontextes anzusprechen, was leider nicht so einfach ist. Aber es ist toll zu sehen, wie sich das Erscheinen des Hefts doch rumgesprochen hat und auch, wie die Menschen hier in Berlin darauf reagieren. Ohne die ganzen ehrenamtlichen Helfer_innen, Bands und DJ_anes die uns unterstützt haben, hätten wir das alles nie schaffen können.
Wieviele Menschen sind an MOM beteiligt?
Wir haben zu viert angefangen, inzwischen sind wir sechs, die sich um den Inhalt und das Layout kümmern. Drei für die Redaktion und drei für das Layout. Und es gibt noch zwei Menschen in Berlin, die sich um den Vertrieb kümmern, aber auch noch eine Person in Hamburg, eine in Göttingen und eine in Leipzig, die vor Ort als Ansprechpartner_innen für den Vertrieb zur Verfügung stehen. Sandra Ehlen ist für das letzte Heft schon mit eingestiegen und hat einen Großteil des Layouts übernommen und Zanko wird für das nächste Heft ebenfalls das Layout-Team unterstützen. Da ich hauptsächlich für den redaktionellen und organisatorischen Bereich zuständig bin, bin ich schon sehr gespannt, was die drei vorhaben, aber ich kann wohl schon verraten, dass das nächste Heft Layout-technisch ein wenig gewagter wird!
Sucht ihr noch Verstärkung für euer Team?
Wir freuen uns auf jeden Fall über weitere Unterstützung. Ob das Beitrage in Bild oder Wort für das nächste Heft sind; aktuell sind wir besonders noch auf der Suche nach Fotograph_innen, die Lust hätten eine Farbbildstrecke zum Thema “Heidi” zu machen. Aber auch Beiträge zu diesem oder auch ganz anderen Themen sind sehr willkommen. Außerdem wäre es toll weitere Ideen aus anderen Städten zu bekommen, wo das Heft verkauft werden kann. Vielleicht gibt es ja auch Leute, die Lust hätten sich um den Verkauf in ihrer Stadt zu kümmern.
Irgendwelche Pläne und Wünsche für die Zukunft von MOM?
Im Moment sind wir sehr froh über so viel positives Feedback und den gut anlaufenden Verkauf. Allerdings sind die Finanzen bisher noch sehr schwierig, wenn sich das Heft über kurz oder lang auch finanziell tragen würde, wäre das schon eine sehr große Erleichterung. Natürlich hoffen wir außerdem, dass sich die Leser_innenschaft noch weiter ausdehnt und auch Menschen, die sich sonst vielleicht nicht in queer-feminstischen Kontexten bewegen durch das Heft Interesse daran bekommen. Ich würde nicht sagen, dass großartige Pläne dahinter stecken, uns geht es hauptsächlich um Vernetzung und Austausch und die Auseinandersetzung mit Themen, die im Mainstream meist keinen Platz finden.
Wo kann mensch euch kaufen?
Bis jetzt haben wir Verkaufsstellen in Berlin, Braunschweig, Bremen, Bonn, Göttingen, Hamburg, Leipzig und Wien. Wo genau steht auf unserer Website unter www.makeoutmagazine.net. Dort kann das Heft außerdem auch online bestellt werden.
Frauen in Kenia, homosexuelle Ehen in Washington und Muschicupcakes: kurz verlinkt
Böse Frauen, die ihre Männer schlagen, macht Spiegel Online in Kenia aus. Die Organisation „Maendeleo ya Wanaume“ rufe daher zum Boykott des von den schlagenden Frauen gekochten Essens auf. Der Kolumnist Macharia Gaitho der Daily Nation sieht es schon etwas differenzierter und auf Diasporadical wird das Thema ebenfalls diskutiert.
Die zukünftige EU-Finanzierung für Frauenrechte (inklusive zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen) wird derzeit diskutiert – und es sieht nicht gut aus. Die European Women’s Lobby erklärt, um was es geht und was frau tun kann.
Damit eine Dokumentation über Eltern von LGBTs in der Türkei gedreht werden können, werden Spenden benötigt.
Mit 60 Jahren will sich Diana Nyad einen Lebenstraum erfüllen und von Kuba nach Florida schwimmen (das Video hat deutsche Untertitel, es gibt auch eine Übersetzung):
Claire Horst schreibt in der Jungle World über Maskulisten und deren Klage über die angeblich verweichlichten Männer.
Der US-Bundesstaat Washington wird als siebter Bundesstaat die homosexuelle Ehe erlauben. Gouverneurin Chris Gregoire hat das Gesetz letzte Woche unterzeichnet. Das besonders interessante Detail dabei: Gregoire ist gläubige Katholikin. Für die ganze Geschichte einmal hier entlang bitte.
Das Gazelle Magazin bespricht ein vieldiskutiertes Buch: “Ich will heiraten” von Ghada Abdelaal.
Die “neue Häuslichkeit” beschäftigt Feminist_innen immer wieder und lipstickterrorist fragt: “Sind Häkeln und Muschicupcakes wirklich so unschuldig?” Und Meryl Trussler hat geantwortet (beide Artikel auf englisch).
Mindestens so heiß diskutiert wie Muschicupcakes wird im deutschen Sprachraum die Frage, ob eine Feministin sich als Mädchen oder Fräulein bezeichnen darf. Anlässlich der Abschaffung der Mademoiselle in Frankreich hat DRadio Wissen dieser und anderen Fragen rund um die weibliche Anredeform einen Schwerpunkt gewidmet. Besonders empfehlen wollen wir euch eine Diskussion, bei der unter anderem Stefanie Lohaus (Mitherausgeberin des Missy Magazin) zu Gast war.
Feride Saymaz ist bereits zum zweiten Mal als “beste Taxilenkerin” Wiens ausgezeichnet worden. Mehr darüber lest ihr bei dieStandard.at.
“Mamaaaaaa, der Junge hat mich an den Haaren gezogen!” – “Meine Kleine, das heißt, dass er dich mag.” Kommt euch das bekannt vor? Wann und warum haben wir angefangen, kleinen Mädchen auf diese Art zu vermitteln, es sei okay von einem Jungen belästigt zu werden? Diese Frage stellt zu Recht viewsfromthecouch.
Termine gibts wie immer nach dem Klick! Termine:
Bärte für alle und kritische Auseinandersetzungen mit Männlichkeit gibt es morgen am 23. in Berlin beim Männer-Abend.
25. Februar in Berlin: Genderkonferenz der Grünen mit dem Titel “Geschlechter.Grenzen.Los” im Ballhaus Rixdorf.
Am Samstag gibt es dann einen Ideen-Workshop für ein Gedenkzeichen in Ravensbrück zum Thema „Lesbische Frauen im Nationalsozialismus.“ Um Anmeldung wird gebeten.
27. Februar, wieder in Berlin: Öffentliche Mitgliederversammlung des Vereins “Typisch Deutsch e.V.” in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung (leider haben wir nur bei facebook einen Terminhinweis gefunden).
Menschenrechte, Machtverhältnisse und Ausschlüsse
Yetzt ist eine Queerulantin und rantet gerne. Im Blog “Haecksenbrause” schreibt er über koffeinhaltige Genuss- und Erfrischungsgetränke und mit der Netzguerilla kümmert sie sich um die Servertechnik hinter vielen spannenden Projekten wie Hatr oder der Mädchenmannschaft.
Eigentlich klingt es erstmal nach einer guten Idee, universelle Rechte zu definieren, die allen Menschen zustehen. Faktisch ist der Zugang zu diesen Rechten nur wenigen privilegierten Menschen garantiert, tatsächlich lassen sich anhand der Verletzung dieser Rechte ziemlich gut die gesellschaftlichen Machtstrukturen auf diesem Planeten nachzeichnen. Selbst in der bald 65 Jahre alten und nur sehr zögerlich an moderne Auffassungen von gesellschaftlicher Gleichheit angepassten Universellen Deklaration der Menschenrechte stecken Realitätskonstruktionen und Ausschlüsse, die erst beim genauen betrachten auffallen. Die signifikantesten davon möchte ich herausgreifen.
Durch die Erklärung ziehen sich Begrifflichkeiten wie “Volk”, “Rasse” und “Nation”. Es ist völlig offensichtlich, dass schon allein diese Tatsache Grund genug für eine umfangreiche Kritik an der Menschenrechtsdeklaration ist. Ich blende jedoch die benutzte Sprache in der Betrachung weitestgehend aus, da ich die Ausschlüsse jenseits der verwendeten Sprache herauszeichnen möchte.
“[...] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Präambel
Die Menschenrechte dienen also auch dem Schutz der globalen Herrschaftsstrukturen vor Emanzipation. Der propagierte schöngezeichnete Ist-Zustand an Demokratie, Recht, Kapital, Herrschaft und so weiter wird zum Ideal erklärt, weniger herrschaftsförmige Strukturen sollen verhindert werden.
“Alle Menschen [...] sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1
Brüderlichkeit? Dem Verständnis der Erklärung nach sind also Menschen in erster Linie Brüder, also Männer.
“Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 2
Eine wunderschöne Aufzählung von Zuschreibungsmerkmalen, anhand derer Macht ausgeübt wird. Doch hinterfragt werden diese Kategorien nicht. Bei der “Rasse”, die sich auch sonst munter als Einordnungsschublade durch die Deklaration zieht, ist der konstruierte Charakter noch auffällig, nach Geschlecht jenseits der biologischen Zweigeschlechtlichkeitskonstruktion wird nicht aus Ablehung der Kategorie sondern aus Ignoranz der Diversität der möglichen Selbsteinordnung nicht gefragt, Age und Ability sind bereits gar kein Thema mehr.
“Heiratsfähige Männer und Frauen haben ohne jede Beschränkung auf Grund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht, zu heiraten und eine Familie zu gründen.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 16, Satz 1
Wurde in Artikel 2 noch alles inklusive einiger Jokerkriterien aufgezählt, wird das Recht auf offiziell anerkanntes Zusammenleben schon restriktiver gewährt. Ein wahrliches Feuerwerk an Ausschlüssen in Sachen biologischem und sozialem Geschlecht, sexueller Präferenz, Wohlstand, Ability and beyond.
“Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 16, Satz 3
Holla, hier geht es nicht um Menschen, die etwas dürfen sollen, hier wird normiert. Die Familie, wir erinnern uns, wird als Privileg nicht allen gewährt. Wer gar eine andere Form des Zusammenlebens will, vor der haben Staat und Gesellschaft diese Privilegierten sogar zu schützen. Hier hat eine Einschränkung der Entfaltungsfreiheit den Eingang in ein Werk gefunden, das genau diese zu schützen erklärt.
“Niemand darf gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 20, Satz 2
Hier lohnt es sich, genau hinzusehen. Wichtig ist weniger, was hier steht, sondern was eben nicht: Es ist die einzige Stelle in der Deklaration, die vor Zuschreibungen schützt. Allerdings nicht vor Zuschreibung von “Rasse”, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und anderem kollektiv ausgedachten Unfug. Es gibt kein Recht darauf, nicht in eine Schublade einsortiert zu werden oder eine bislang unhinterfragte Zuschreibung zu ändern oder gar abzulegen.
Es gibt noch viele Kerben, in die es sich zu hauen lohnte. Ich habe gerade einmal an der Oberfläche gekratzt, nur einen kleinen Teilaspekt der Herrschaftsumwelt, in der die Menschenrechtsdeklaration überhaupt einen Platz hat, beleuchtet. Menschenrechte sind nur da notwendig, wo Herrschaft nicht grundsätzlich abgelehnt wird, wo Machverhältnisse abgemildert und erträglicher gemacht werden müssen, damit sich die grundlegenden Zustände weiter aufrecht erhalten lassen. Von den Rechten wird nur das Maß auch praktisch zugestanden, das unbedingt notwendig ist. Eine tatsächliche Gesellschaft, die bestrebt ist, ohne Herrschaft zu leben, können Menschenrechte nicht verwirklichen.
Keine Ahnung von Wissenschaft – die Wissenschaftsredaktion von ORF.at
Kausalität und Korrelation sind zwei ähnlich klingende Wörter. Das muss man den Redakteur_innen von science.ORF.at lassen. Die Bedeutung ist aber fundamental verschieden. Kausalität bedeutet, dass A die Ursache von B ist. Korrelation bedeutet, dass A ein Indikator für B ist. Gerade in einer Wissenschaftsredaktion sollte mensch sich dessen bewußt sein.
Bei science.ORF.at fehlt es anscheinend an diesem Basiswissen. Gepaart mit Sexismus kommt dann solch Mist wie heute heraus, der Opfern noch die Schuld in die Schuhe schiebt. Es geht um eine Studie, die sich mit Misshandlung von Kindern beschäftigt, die „geschlechteruntypisches“ Verhalten zeigen. Tatsächlich sind diese Kinder mehr psychologischem, physischem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt, auch das Risiko einer post-traumatischen Belastungsstörung ist erhöht. Geschlechtsuntypisches Verhalten sei ein Indikator für spätere Probleme, schreiben die Wissenschaftler_innen in Pediatrics.
Wie lautet nun die Überschrift? „Mädchenspiele können Gesundheit gefährden“. Warum Mädchenspiele mit geschlechtsuntypischem Verhalten gleichgesetzt werden? Keine Ahnung, vielleicht die „männlich ist Standard“-Falle. Dabei sind Mädchenspiele für Mädchen sogar völlig ungefährlich. Im Gegenteil, es geht um kein einziges Spiel, das die Gesundheit gefährdet – die Misshandlungen werden von Täter_innen begangen, an den Kindern. Trotzdem schreibt der erste Absatz den Kindern und damit den Opfern noch einmal die Verantwortung zu:
Wenn Buben mit Puppen und Mädchen Indianer spielen, dann drehen sie nicht nur geläufige Stereotype um, sondern setzen damit auch ihre Gesundheit aufs Spiel. Denn sie bekommen von ihrer Umgebung so viel negatives Feedback, dass sich das massiv auf ihr Selbstbewusstsein auswirken kann.
Dass es sich dabei um Missbrauch und Misshandlung dreht, unterschlägt der Ausdruck „negatives Feedback“ leider auch. Sondern erweckt noch den Eindruck, wenn sie sich nur „normal“ verhalten würden, könnten sich die Kinder schützen. Ob geschlechtsuntypisches Verhalten eine Reaktion auf Missbrauch ist oder in ihn auslöst, ist allerdings ungeklärt. Und selbst wenn es letzteres ist, liegt die Schuld immer noch bei den Täter_innen.
Mit ihrer Forschung wollen die Wissenschaftler_innen übrigens das Risiko für Kinder minimieren, die Geschlechterstereotypen nicht entsprechen – die Redaktion von ORF.at macht Ihnen das Leben leider nur noch schwerer.
Die Mädchenmannschaft braucht eure Spenden!
Vor mehr als vier Jahren ist dieses Blog mit dem Erscheinen des Buches “Wir Alphamädchen” von Barbara Streidl, Meredith Haaf und Susanne Klingner gestartet. Seit dieser Zeit schreiben wir auf, was uns aufregt oder vor Freude glitzern lässt, stoßen feministische Debatten an oder begleiten sie, verstehen uns als Teil dessen, was sich grob mit “Feministischer Aktivismus im Netz” umschreiben lässt. Darüber hinaus beteiligen wir uns als Vertreter_innen unseres Vereins an feministischer Politarbeit außerhalb des Internets, halten Vorträge, geben Workshops und nehmen an Diskussionen teil. Als Einzelpersonen machen wir das, was jede_r Feminist_in tut: Versuchen, die Welt ein Stückchen zu verbessern. Feminismus ist ein Fulltime-Job, der uns allen viel abverlangt, den wir mit glühendem Herzen nachgehen – und der doch nicht umsonst ist.
Euer Feedback, eure Kritik und eure zahlreichen Ideen, die ihr uns auf den unterschiedlichsten Kanälen zukommen lasst, sind uns eine riesige Unterstützung. Vielen Dank dafür!
Die Mädchenmannschaft feiert in diesem Jahr ihren fünften Geburtstag, wir wollen gern einen kompletten Tag in Berlin organisieren: Basteln, Mampfen, Musik, Party, Workshops und viele andere tolle Sachen sollen an einem Termin im Herbst (den wir rechtzeitig bekannt geben) stattfinden. Dazu benötigen wir allerdings eine Stange Geld: Raummiete, Essen, Getränke, Technik, Material, Werbung.
Außerdem planen wir eine feministische Terminseite, auf der jede_r entsprechende Veranstaltungen aus ihrer_seiner Umgebung eintragen kann. Dafür brauchen wir ebenfalls eure Hilfe, denn die Serverkosten, das Honorar für die Programmiererin sowie die regelmäßige Administration, wenn die Seite steht, verdient sich nicht von allein.
Wir haben in der Vergangenheit finanzielle Unterstützung von euch erhalten, was uns sehr gefreut und eine Menge Ärger erspart hat, auch die monatlichen Einnahmen über Flattr können den Server und diverse anfallende Gebühren decken. Ein großes Dankeschön an alle, die geben, was sie geben können. Doch für mehr reichen unsere Einnahmen leider nicht und deshalb möchten wir euch um Spenden bitten für diese zwei bevorstehenden Projekte.
Da wir ein gemeinnütziger Verein sind, sind eure Spenden steuerlich absetzbar. Ihr habt die Möglichkeit über den untenstehenden PayPal-Button zu spenden, einen Betrag in eurer gewünschten Höhe bei Flattr zu hinterlassen oder den Betrag auf unser Konto zu überweisen:
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Happy Birthday, Kurt Cobain
Einer unserer Lieblingsfeministen wäre heute 45 Jahre alt geworden.
“My generation’s apathy. I’m disgusted with it. I’m disgusted with my own apathy too, for being spineless and not always standing up against racism, sexism and all those other -isms the counterculture has been whinning about for years.”
Merkels Schmach oder Merkels Triumph? Quark!
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Na klar, ich weiß auch nicht, was im Kopf von Angela Merkel vor sich geht, aber was ich weiß ist, dass ich die übliche Gewinner-und-Verlierer-Logik der politischen Analysen absolut nervig finde.
Michael Seemann twitterte vorhin:
Und nun zu den analysen: gauck ist merkels meisterwerk: http://t.co/aNtwLSBu vs. merkels größte schmach: http://t.co/uh0SpUJi wer hat recht?
Wirklich tolle Kategorien: Triumph oder Schmach. Das zeigt schon das ganze traurige Ausmaß der Desolatheit unserer offiziellen politischen Unkultur. Offensichtlich ist es in dieser verquarzten Logik gar nicht mehr möglich, Dinge, die geschehen, in ihrer ganz normalen Normalität zu sehen. Natürlich hat keiner der beiden Kommentatoren Recht, denn sie spielen auf einer idiotischen Skala. Nämlich auf der Skala pseudo-strategischer Ausgebufftheit, die in weiten Bereichen dessen, was heutzutage “öffentlich” genannt wird, inzwischen so vorherrschend ist, dass man sich nicht wundern muss, dass immer mehr Menschen (deutlich mehr Frauen als Männer) sich davon fernhalten.
Warum Angela Merkel ihren Job eigentlich noch nicht hingeschmissen hat, frage ich mich übrigens jedes Mal, wenn ich etwas über sie lese.
Ich bin ein gutgläubiger Mensch. Wenn mir jemand erzählt, draußen vor dem Fenster ist ein UFO gelandet, dann glaube ich das solange, bis ich Grund habe, es anzuzweifeln. Ich bin mit diesem Vorgehen (das übrigens unverzichtbar ist für den Austausch mit Anderen, Fremden, Unbekannten) bisher sehr gut gefahren, und ich möchte es auch in den Bereich der Politik zurück holen.
Meine Geschichte geht daher so:
Angela Merkel wollte Gauck nicht haben, und es gibt keinen Grund, das nicht zu glauben und ihr irgendwelche macchiavellistischen Strippenziehereien zu unterstellen. Dass Merkel Gauck nicht wollte, damals nicht und jetzt eigentlich auch noch nicht, gibt mir übrigens ziemlich zu denken. Denn ich halte Merkel für einen klugen Kopf, und sie kennt Gauck sicherlich besser als ich. Sie wird ihre Gründe haben, fürchte ich.
Es muss jedenfalls nicht groß machtpolitisch herumspekuliert werden, warum Merkel damals statt Gauck Wulff vorgeschlagen hat. Gründe liegen schließlich offen zutage. Zum Beispiel wäre da die Kleinigkeit, dass Wulff inhaltlich der bessere Präsident war. Leider stellte er sich als korruptionsanfälliger Hallodri heraus. Hätte Merkel das wissen müssen? Hätte sie wissen müssen, dass Guttenberg ein Plagiator ist?
Wenn ich ihr eine Strategie raten müsste, dann vielleicht die, prinzipiell keine Männer um die Vierzig mehr für irgendwas zu nehmen, aber ich fürchte, das wäre nicht praktikabel.
Wie auch immer: Jetzt wollte Merkel Gauck immer noch nicht haben. Aber es formierte sich schnell eine Front gegen sie: SPD und Grüne rieben sich die Hände, ha, IHR toller Kandidat wäre natürlich besser gewesen. Und die FDP fällt Merkel sowieso zuverlässig in den Rücken, hat ja auch schon längst nichts anderes, womit sie sich profilieren kann.
Vielleicht irre ich mich, und Grüne, SPD und FDP finden tatsächlich, dass Gauck ein inhaltlich guter Präsident ist und ihr Traumkandidat, ich kann ja in ihre Köpfe nicht hineinschauen. Aber, wie gesagt, dass Merkel ihn nicht wollte, macht mich skeptisch. Ich fürchte, an diesem Punkt hat der oben verlinkte Tagesspiegel-Kommentar recht, und es ist bei den Gauck-Vorschlagenden zumindest auch eine Portion Populismus und “Hauptsache dem Gegner schaden”-Denke im Spiel.
Muss man lange spekulieren, warum Merkel Gauck nun doch genommen hat? Überhaupt nicht! Es ist doch ganz offensichtlich, dass das jetzt das einzig Realistische war, das sie machen konnte. Hätte sie sich in die machtpolitischen Kampfarenen hineinbegeben, die ihr von allen Seiten hingehalten wurden, hätte sie kaum noch Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben, das Regieren nämlich, gehabt. Aber das ist es, was ihr wirklich Spaß macht (und, nebenbei, es ist auch wichtiger als die Frage, wer Bundespräsident ist).
Man kann mit den eigenen Forderungen an jedem Ort immer nur bis an die Grenzen des Möglichen gehen (oder ein kleines bisschen darüber hinaus), und bei einer Bundeskanzlerin sind diese Grenzen sehr viel enger gesteckt als, nur so zum Beispiel, bei einer frei bloggenden Politikwissenschaftlerin.
Diese engen Grenzen hat Merkel, deren Pragmatismus ich übrigens wirklich großartig finde (bei aller inhaltlichen Differenz, die ich zu ihr habe), ganz einfach realistisch eingeschätzt und entsprechend gehandelt. Schnell und unprätentiös und ohne großes Tamtam und Gorilla-auf-die-Brust-Klopfen. So wie das halt ihre wohltuende Art ist.
Ich persönlich hätte mir zwar gewünscht, dass Merkel für Petra Roth kämpft, aber das kann ich natürlich leicht dahin sagen. Ich muss es schließlich nicht im alltäglichen Politzirkus in Berlin in die Realität umsetzen.
Meine Vermutung ist – als Politikwissenschaftlerin gehört es ja auch zu meinem Job, ab und zu ein bisschen Kaffeesatz zu lesen – dass Merkel der Ansicht ist, eine weibliche Doppelspitze sei in Deutschland noch nicht durchsetzbar. Und da sie selbst an ihrem Job offensichtlich großen Spaß hat (zum Glück), hätte sie sich selbst natürlich mit einer Bundespräsidentin einen Bärendienst erwiesen. Zumal mit einer, die sie gegen den Kandidaten der deutschen Herzen hätte durchkämpfen müssen.
Aber ist es Merkels Schuld, dass solche Überlegungen in Deutschland im Jahr 2012 noch angestellt werden müssen? Schwerlich. Es ist (unter anderem auch) ihr Verdienst, dass sie wenigstens schon mal angestellt werden können.
Um zur Eingangsfrage zurück zu kommen: Ist Gaucks Wahl nun für die Kanzlerin eine Schmach oder ein Triumpf?
Dazu kann ich nur sagen: Geht doch Aussterben, liebe politische Kommentatoren. Um Angela Merkel und ihre Politik (und, wie ich überzeugt bin, die Politik von Frauen generell) verstehen zu können, müsst ihr erst mal eure Denkschablonen erneuern.
Jetzt anmelden: Musikcamps für Mädchen
Du kennst Mädchen und junge Frauen, die ganz vernarrt sind in Musik und sich schon immer mal selbst an Instrumenten ausprobieren wollten? Dann sind diese drei Musikcamps in Berlin und Wiener Neustadt (Niederösterreich) mit Sicherheit interessant:
Die Anmeldephase für das vierte Ruby Tuesday Hip Hop & Rock Camp vom 21. bis 29. Juli 2012 hat bereits begonnen, welches in diesem Jahr in Berlin in den Räumen der Landesmusikakademie stattfinden wird. Das Camp ist für Mädchen und für trans*- und intergeschlechtliche* Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Musikalische Vorkenntnisse werden nicht benötigt, um beim Camp mitzumachen. Die Kosten liegen nach Selbsteinschätzung der Eltern zwischen 100 und 350 Euro. Es gibt aber auch die Möglichkeit, gegen eine geringere Gebühr mitzumachen – mehr Informationen zu den Kosten, der Anmeldung und zur Barrierefreiheit gibt es auf der Homepage.
Alle, die über 18 Jahre alt sind und das Camp unterstützen möchten (z.B. Auf- und Abbau, Bandcoaching, Freizeitgestaltung, organisatorische Unterstützung, beim Kochen etc.), können sich auch gern melden.
Foto vom Ruby Tuesday Girls Rock Camp 2011 (mit freundlicher Genehmigung von Ruby Tuesday e.V.)
Das Girls Rock Camp NÖ in Wiener Neustadt (Niederösterreich) ist ein einwöchiges Musikcamp für Mädchen_* und junge Frauen_ zwischen 14 und 21 Jahren und findet in diesem Sommer zum zweiten Mal vom 19. bis 25. August 2012 in Kooperation mit dem Jugend- und Kulturhaus Triebwerk statt. Musikalische Vorkenntnisse werden nicht benötigt. In diesem Jahr wird es unter dem Titel „Girls Rock Camp NÖ geht ins Studio…“ einen Schwerpunkt zum Thema Tonstudio & CD-Produktion geben. Die Anmeldung beginnt erst ab dem 1. April – mehr Informationen gibt es auf der Homepage.
Das Musik Camp 2.0 hat zwar keinen explizit feministischen Anspruch (das kann sich aber ändern :), bietet aber auch tolle Möglichkeiten für musikbegeisterte Mädchen und junge Frauen. Es findet ebenfalls in der Landesmusikakadamie Berlin statt, allerdings schon vom 25. bis 30. Juni. Die Anmeldephase hat bereits begonnen. Mehr Informationen inklusive Videomaterial gibt es auf der Homepage.
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* Transgeschlechtliche Menschen sind alle die, die nicht in dem Geschlecht leben können oder wollen, welchem sie bei ihrer Geburt zugeordnet wurden. Intergeschlechtliche Menschen sind Personen, die mit körperlichen Merkmalen geboren werden, die medizinisch als “geschlechtlich uneindeutig” gelten.
Sind Kinderlose unsolidarisch?
Mit schöner Regelmäßigkeit vermelden die deutschen Medien: In Deutschland werden zu wenig Kinder geboren. Und weil das so sei, sei die auch Rente künftig noch weniger sicher. Anschließend lassen sich beinahe schon Wetten darauf abschließen, ob nach dieser Meldung auch wieder folgende Idee diskutiert wird: Wenn es immer weniger Kinder gibt, die später mit ihrer Arbeit die RentnerInnen durchbringen, – warum sollen dann nicht diejenigen, die sich jetzt so egoistisch weigern, künftige Einzahler in die Rentenkassen zu zeugen, dafür zahlen?
Zuletzt waren es einige CDU-Abgeordnete, die diesen kalten Kaffee wieder aufgewärmt hat. Sie schlagen vor, dass Kinderlose über 25 Jahre eine „solidarische Demographie-Rücklage“ zahlen sollen. Klar, der Begriff „Solidarität“ darf natürlich nicht fehlen – ebenso wenig wie der Hinweis, dass auch das Bundesverfassungsgericht bereits im Jahre 2001 gefordert habe, die Belastung von Familien zu verringern. Ja, wenn das Bundesverfassungsgericht das richtig findet, wie könnte man als KinderloseR dann dagegen sein?
Die Abgabe soll den jüngsten Plänen zufolge übrigens ein Prozent des Einkommens betragen. Ach so: Mit einem Kind wären Väter und Mütter nicht aus dem Schneider, aber sie bekommen immerhin die Hälfte der Demographie-Rücklage erlassen. Laut einem Bericht in der Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung hat die Gruppe ausgerechnet, dass durch diese Abgabe zweistellige Milliardenbeträge in die Sozialversicherungen fließen könnten.
Davon abgesehen, dass Kinderlose, zumindest wenn sie berufstätig sind, ziemlich hohe Steuern zahlen (und zwar oftmals mehr als etwa Verheiratete, die vom Ehegattensplitting profitieren beziehungsweise wo ein Elternteil – meist die Mutter – maximal Teilzeit arbeitet) und dass Menschen ohne Kinder bei der Pflegeversicherung schon jetzt einen um 0,25 Prozentpunkte höheren Beitrag leisten – ist es denn nicht mal langsam gut mit dem andauernden gegeneinander Ausspielen von Lebensentwürfen?
Denn darauf läuft es doch immer wieder hinaus: Hier die opferbereiten Eltern, die zugunsten ihrer Kinder finanzielle Einbußen in Kauf nehmen und auch in Sachen Selbstverwirklichung zurückstecken müssen (Wie? Die Erfüllung eines Kinderwunsches hat nichts mit Selbstverwirklichung zu tun, sondern dient ausschließlich der Arterhaltung – und eben der sicheren Rente?). Dort die ach so hedonistischen Kinderlosen, denen ein Balg nur die Karriere und den dritten Kurzurlaub vermiesen würde.
Dass solche lächerlichen Klischees längst überholt sind, sollte sich eigentlich rumgesprochen haben. Die CDU-Abgeordneten haben es offenbar nicht mitbekommen – genauso wenig wie die Tradition ihrer Partei, sich etwa beim Thema „Betreuungsgeld“ stets vehement für die Gleichberechtigung aller Lebensentwürfe einzusetzen und es unmöglich zu finden, wenn der Staat den einen dem anderen gegenüber zu bevorzugen scheint.
Noch etwas scheint den CDUlern nicht klar zu sein: die Tatsache, dass längst nicht jeder Kinderlose dies freiwillig ist. Sollen also diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder bekommen können, dafür noch mit einer Sondersteuer zusätzlich bestraft werden – und die, bei denen es aus welchen Gründen auch immer nur zu einem Kind „gereicht“ hat, gleich mit? Was ist denn mit Paaren, die sich keine künstliche Befruchtung leisten können – erst recht nicht, seit die Krankenkassen die Kosten bei Ehepaaren nur noch anteilig übernehmen (unverheiratete Paare werden finanziell in dieser Hinsicht überhaupt nicht unterstützt)? Wie sollen sich gleichgeschlechtliche Paare fühlen, denen eine Adoption in Deutschland immer noch so gut wie unmöglich gemacht wird?
Bitte nicht falsch verstehen: Die Leistung, die Familien selbstverständlich für diese Gesellschaft erbringen, dankt diese ihnen hierzulande nicht einmal ansatzweise genug. Doch anstatt Eltern stärker zu unterstützen oder einmal die über 150 Leistungen, die sie eigentlich fördern sollen (dazu gehört unter anderem auch das Ehegattensplitting) mit Blick auf ihre Wirkung auf den Prüfstand zu stellen, wie sich eine Expertengruppe des Familienministeriums vor wenigen Jahren mühte, wird immer mal diese Neiddebatte vom Zaun gebrochen. Die kostet ja nichts.
Und selbst wenn die Abgabe für Kinderlose niemals kommt, weil die PolitikerInnen genau wissen, dass auch Menschen ohne Kinder wählen gehen (Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder haben die Vorschläge auch prompt zurückgewiesen), lenkt ein solcher Vorschlag doch schön von den bestehenden Mängeln in Rentensystem und Familienförderung ab.
Bleibt die Frage, warum die Medien stets so gerne auf das Thema anspringen. Und warum es ihnen nicht gelingt, dieses anders als anhand von Stereotypen zu vermitteln. Beispiel „Tagesthemen“, Dienstagabend (hier der Bericht): Die Pläne der CDU-HinterbänklerInnen sind immerhin der zweite Aufmacher. Erläutern darf sie der Abgeordnete Marco Wanderwitz (36 Jahre), der so wenigstens auch mal ins Fernsehen darf. Und das „Tagesthemen“-Team vergisst natürlich nicht, seine dreifache Vaterschaft zu erwähnen. Mag schließlich ein weiterer Grund für seine Überlegungen gewesen sein, dass er es doof fand, den kinderlosen Fraktionskollegen immer mit dem schicken neuen Cabrio wegfahren zu sehen, während es bei ihm nur für eine gebrauchte Familienkutsche reicht.
Ihm folgt die unvermeidliche Straßenumfrage. Die Befürworterin der Abgabe wird direkt vor einer Kita interviewt, sodass sofort klar ist: Hier erklärt eine Mutter, dass Menschen ohne Kinder es so viel besser haben und sie deshalb unbedingt zur Kasse gebeten werden sollten. Die Gegenstimme kommt dann – auch von einer Frau. Dem TV-Team scheint es also überhaupt nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass man auch einmal einen Mann fragen könnte. Die haben ja auch längst nicht alle Kinder, aber vielleicht auch eine Meinung zum Thema.
Oder dachte die „Tagesthemen“-Redaktion an eine schon etwas ältere Studie, derzufolge sich Männer heute der Familiengründung noch viel stärker verweigern, so dass die Frauen ihren Kinderwunsch einfach nicht realisieren können, weil ihnen der Partner dazu fehlt (was ja, konsequent zu Ende gedacht, bedeuten würde, dass kinderlose Männer eigentlich eine höhere Abgabe zahlen müssen. Oder dass bei Paaren, bei denen nachweislich Er keine Kinder wollte, eine Umschichtung nötig wäre – eine Art „Kinderlosen-Splitting“ vielleicht)?
Aber klar: Frauen passen doch auch viel besser zu einem solch emotionalen Thema, oder? Vielleicht wollte ja sich ja tatsächlich kein Mann vor der Kamera dazu äußern – bis auf Marco Wanderwitz…
Selbermach-Sonntag (19.02.12)
Wiedersehen macht Freude! Jeden Sonntag habt ihr Platz für eure Geschichten und Aufreger der vergangenen Woche. PS: Eigenwerbung in Form von Links zu eueren Texten, Videos, Comics und Audiobeiträgen sind ausdrücklich erwünscht!
Ein queer-feministisches Teeniemagazin, ACTA und Karneval – die Blogschau
I Heart Digital Life schreibt über ACTA und die Netzbewegung.
Die Danger Bananas geben Karnevalist_innen und deren Gag-Schreiber_innen eine Anleitung an die Hand.
I do give a damn kritisiert den offensiven Sexismus bei der Tierrechtsorganisation Peta.
Blica mault über die PR-Schreiberei in der Bloglandschaft.
Bühnenwatch berichtet von ihrer Intervention gegen rassistische Blackface-Praxis an deutschen Theaterbühnen.
Anders Deutsch stellt Berlinale-Filme vor, die sich mit der Ägyptischen Revolution befassen.
Auf journalizzm.net gibt es Interview über geschlechtergerechte Sprache.
Hurra, ein neues Blog hat das Licht der Welt erblickt. queer_sehen setzt sich mit queeren Identitäten im US-amerikanischen Fernsehen auseinander.
High On Clichés macht ihrem Namen alle Ehre und räumt mit Klischees über Feminist_innen auf.
Das Ich im Social Web – eine argwöhnische Betrachtung des Digital-Klons und die Überlegung: “Wie werde ich die Alte wieder los?”, nachzulesen auf Philibuster.
Mehrere linksradikale Bündnisse und Gruppen haben sich zusammengeschlossen und einen Reader begleitend zu den Aufmärschen von Nazis und Abtreibungsgegner_innen in Münster in diesem Jahr herausgegeben.
Termine, Call for Papers, Promotionsstipendien und mehr nach dem Klick
Das erste queer-feministische Teenie-Magazin ist da – Brav_a. Das heißt: noch nicht ganz. Bevor es erscheint, warten die Herausgeber_innen auf eure Beiträge und Ideen. Also ran an die Tasten.
Die Berlin Femme Mafia gibt sich und anderen queeren Femmes und femininen Queers die Ehre und schmeißt eine Party: Berlin Femme Show 2012.
Warum das Recht nicht immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat, erklärt Krishna Swamy Dara in einem Vortrag am 20. Februar in Berlin.
Die Universität Graz schreibt zwei Promotionsstipendien aus. Das Promotionsprojekt muss inhaltlich in den Bereich der musik- und/oder theaterbezogenen Genderforschung fallen bzw. muss einen genderorientierten Schwerpunkt in der Entwicklung und Erschließung der Künste haben. Bis Juli habt ihr Zeit für eure Bewerbungen.
An der Uni Hamburg findet im Juli eine Tagung zum Arabischen Frühling statt. Eure Abstracts für Vorträge könnt ihr jetzt schon einreichen.
Was Feministinnen wirklich tun
Es gibt so ein schönes neues Meme im Netz, dass verschiedene Berufe oder Bezeichnungen auf’s Korn nimmt und die unterschiedlichen Wahrnehmungen aufzeigt. Das Meme zu Feministinnen wollen wir euch selbstverständlich nicht vorenthalten:
Von oben links nach unten rechts:
- Was FOX News (konservativer US-amerikanischer Nachrichtensender) über mich denkt
- Was die Gesellschaft über mich denkt
- Was ich über mich denke
- Was ich wirklich tue

