Wie wollen wir im Netz füreinander Verantwortung tragen?
Seit geraumer Zeit beschäftigt mich der Gedanke, welche Strategien und Praxen es für Räume des Netzes (Chats, Foren, Mailinglisten, Twitter, Facebook, Blogs, etc.) gibt, die mit den dort stattfindenden sexualisierten Übergriffen, Formen verbaler Gewalt, Stalking, Mobbing, *istische Beleidigungen, Hate Speech – einen sensiblen und verantwortungsbewussten Umgang finden, welcher die Bedürfnisse von Betroffenen und potentiell Betroffenen in den Vordergrund stellt. 1
Es ist auffällig und ich schrieb das ja schon mal, dass feministische Gedanken zumindest im Netz eine höhere Reichweite besitzen (können) als noch vor ein paar Jahren. Die “feministische Netzgemeinde” wächst stetig, einzelne Personen gewinnen mehr Einfluss, mensch macht sich halt so Gedanken, warum da eine_r jetzt so emanzipatorisches Zeug ins Netz pustet, schließt sich vielleicht an, lehnt es ab, braucht noch ein paar Minuten länger zum Nachdenken. Die Vernetzung untereinander ist fester und stärker (so zumindest mein Eindruck), mensch trifft sich auch außerhalb des Internets gelegentlich, ein paar Freund_innenschaften sind auch entstanden.
Die “feministische Netzgemeinde” (im Folgenden “wir” – jede_r darf sich hier angesprochen fühlen, die_der meint sich angesprochen zu fühlen) ist sehr heterogen, vielleicht nicht unbedingt von ihren sozialen Positionen her (was definitiv schon etwas aussagt, aber jetzt hier nicht Thema sein soll), allerdings von ihren theoretisch-praktischen. Alle erdenklichen Feminismen sind vertreten, mal mehr, mal weniger diskursiv wirkmächtig, aber es gibt sie. Und je nach dem, welche Position eine_r vertritt, erntet sie_er dafür Zustimmung, Kritik, Ablehnung bishin zur Anfeindung. Das ist jetzt einigen von uns z.T. mehrfach passiert, mensch steht diese Phasen der Hasswellen irgendwie durch, macht das mit sich allein aus oder redet mit Freund_innen drüber, mit anderen Feminist_innen (offline wie online) und danach ebbt das ab. Was zurückbleibt ist ein bisweilen merkwürdiger Bekanntheitsgrad, Außenstehende bilden sich dann ihre Meinungen und mit dieser vorgefertigten wird daraufhin jeder neu geschriebene Text gelesen und kritisiert. Das ist erstmal ein “normaler” Vorgang, den ich nicht weiter kritikwürdig finde, ich fasse das mal unter Hermeneutik ;)
Nervig bis übergriffig wird es allerdings, wenn mensch für jeden Furz von der Seite angeblökt wird von irgendwelchen “Kritiker_innen”, ständig der eigene Name in den wüstesten Zusammenhängen auftaucht, @replies auf Twitter eintrudeln, Mails kommen, in denen die eigene Fickbarkeit analysiert wird ohne mit der Wimper zu zucken, als sei es das Normalste der Welt, fremden Leuten EMails zu schreiben und über ihre Person und ihre Sexualität wild in den Raum zu fantasieren, heterosexistische Sprüche abzulassen, Grenzen zu überschreiten. Kann mensch die Maskulisten recht einfach im Netz verorten, die sich ja eher selbst zum Gespött machen mit ihren abstrusen Thesen, die Vergewaltigungsandrohungen per Mail irgendwann überlesen werden (dickes Fell ftw!), sind es gerade die “Kritiker_innen”, die mir in diesem Zusammenhang etwas Sorge bereiten. Es ist eigentlich nur eine Frage des Wann, nicht des Ob, mensch wieder zur Zielschiebe antifeministischer und übergriffiger, hämischer und *istischer Ausgüsse über die eigene Person wird.
Offenbar fühlen sich genügend Menschen in irgendeiner Form durch die Äußerungen einiger Feminist_innen derart bedroht und belästigt, dass sie keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um im Geheimen oder auch ganz öffentlich für alle einsehbar ihre Verbalattacken loszulassen. Don’t feed the trolls heißt es ja bekanntlich und wer mich kennt, weiß, dass ich von dieser beschissenen Anweisung wenig halte, verlagert sie die Verantwortung zu den Betroffenen.
Besonders tricky werden diese ständigen Attacken durch die Eigentümlichkeit des Netzes besonders kurze Kommunikationswege zur Verfügung zu stellen, so dass mensch über maximal 10 Ecken sofort zur ersten und zur letzten Ecke gelangt, manchmal sind die Ecken auch Bekanntschaften, Kumpels, Freund_innen. Im Netz kennt mensch sich, ohne sich dafür jemals in real getroffen haben zu müssen. Und, das darf bei allen Personenfragen nicht außen vor gelassen werden, es sind nicht immer ad hominem Geschichten, die eine_r im Netz kalte Schauer über den Rücken jagen oder das Triggerpotenzial in die Höhe schnellen lassen, sondern oft auch (egal ob unbedarft-naiv oder gewollt) Äußerungen zu Themen, mit denen sich (nicht nur) Feminist_innen seit Jahrzehnten und -hunderten beschäftigen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Geschichte auf Twitter als ein bekannter Netzmann damit prahlte, sich ein T-Shirt drucken zu lassen, auf dem sinngemäß stehen sollte, dass er ein Vergewaltigungsapologet sei (und stolz drauf). Anlass war ein relativ polarisierender Text über Äußerungen und Einstellungen, die eine rape culture befördern (können). Der Text richtete sich ausschließlich an ein “männlich” gedachtes Publikum aus Sicht einer “weiblich sozialisierten” Person. Nun, einige Aussagen darin fand ich auch eher schwierig, ist aber Frage der feministischen Perspektive und kein Grund für irgendwen sich über reale Phänomene wie rape culture und Betroffene lustig zu machen in Form eines aufmerksamkeitsheischenden Tweets, der oft zitiert wurde und viel Zustimmung fand.
Mir ist es schleierhaft, warum sich Personen mit Dingen auseinandersetzen, die sie ablehnen und lächerlich finden, von denen sie auch keine Ahnung haben und sich auch nicht näher damit beschäftigen möchten (in Form von vorsichtigem, interessiertem Nachfragen oder selbstständiger Wissensaneignung). Wahrscheinlich weil es im Rahmen von vermachteten Diskursen (wo klar ist, welche Sprecher_innenposition das Privileg der Definitionsmacht besitzt) ein einfaches ist, bestimmte Hegemonien zu pflegen ohne dafür auch nur ansatzweise Kritik oder Sanktion zu erfahren. Im Gegenteil: Es klatscht Beifall, male (oder antifeminist) bonding galore, ist Anlass für persönliche Attacken oder schlicht Selbstvergewisserung und Machtdemonstration.
Das war jetzt mal so ein Querschnitt durch meine tägliche Erfahrungswelt im Netz, aber auch jener Erfahrungswelten von anderen Feminist_innen, die sich jetzt irgendwie mitgemeint fühlen oder selbiges erlebt haben. Nur mal so, um das Problem aufzureißen, von dem ich mir eine intensivere Bearbeitung wünsche, weil das Netz unser Raum genauso ist.
Denn den Umgang mit diesem Problem erlebe ich bisher so, dass zu solchen Fällen meistens geschwiegen wird. Klar gibt es auch Diskussionen, Widerspruch, bei heftigen Attacken auch mal nen bösen Kommentar und ggf. ein Twitter-Unfollow oder Block (auch bei Facebook), selten aber wirklich selten Blogeinträge, wo das Ganze noch einmal analysiert und kritisiert wird, eine breite Solidarisierung gegen die Kackscheiße gefordert wird. Wenn die Personen, die davon erfahren, nicht selbst betroffen sind oder sich als auch als Betroffene sehen, – nothing -. Das kann verschiedene Gründe haben und deshalb ist das jetzt nicht wertend gemeint, sondern deskriptiv.
“Interessant” wird es an der Stelle, wo die Person, die Kackscheiße produziert /produziert hat/, sich im gleichen sozialen Umfeld bewegt, wie die betroffene Person. Es also wie oben bereits angesprochen Verbindungspunkte gibt. Mensch ist also als Betroffene_r gezwungen, dieser Person (in der antisexistischen Arbeit wird er_sie “Täter” genannt) Eintritt in den Raum zu gewähren, in dem sich die_der Betroffene auch aufhält. Besonders bitter ist diese Tatsache dann, wenn die Verbindungsperson(en) sich als Feminist_innen verstehen, die eigentlich für solche Dinge sensibilisiert sind/sein sollten. Noch bitterer, wenn sich diese “Beziehungsdynamiken” dann auch noch in die offline-Welt verlagern und mensch nicht mehr bestimmte Veranstaltungen besuchen kann oder diverse Räume meidet, weil sich dort Menschen aufhalten, mit dem mensch keine Atemluft teilen kann oder will.
Auf Kritiken an diesem “Zulassen”, dieser Konfliktvermeidung (die eigentlich eine Konfliktintensivierung ist für Betroffene) wird oft mit Abwehrverhalten reagiert: “Was hat denn das mit mir zu tun? Warum sprichst du mich jetzt an? Was soll ich denn da machen? Ich kenne Person XY nur flüchtig. Person XY ist mein_e Freund_in. Das musst du schon selbst regeln, wenn es dich stört. Der_die hat halt (bitte hier Bezeichnung irgendeiner pathologisierten Verhaltensweise einsetzen) und deshalb ist er_sie so. Nimm’s nicht so schwer. Ach naja, ich kenne Person XY nicht anders. Das macht er_sie mit allen. Ignorier’s halt. … …” All diese Antworten sagen: Ich will mich damit nicht auseinandersetzen, deine Perspektive ist mir nicht so wichtig. In Einzelfällen kam es auch schon zu Victim Blaming oder Solidarisierung mit der attackierenden Person. Das gehört (zum Glück) zu den Ausnahmen. Was das schlussendlich bedeutet, auch dafür hat die antisexistische Praxis einen ziemlich eindeutigen Begriff: Täterschutz.
In der antisexistischen Arbeit gibt es für den Umgang mit solchen Vorfällen zwei (mir bisher bekannte) Konzepte: Definitionsmacht (Defma) und Community Accountability (CA). Während das erste Konzept konkrete Handlungsleitfäden im Umgang mit Betroffenen und Tätern bereithält, uneingeschränkt die Wünsche der Betroffenen in den Vordergrund stellt und wenn nötig den Täter konsequent aus Räumen verbannt und/oder den Kontakt abbricht, liegt bei CA auch (aber nicht nur) ein Fokus auf Präventivarbeit, um solche Vorfälle zu vermeiden. Defma soll auch sensibilisieren und Aufklärungsarbeit leisten, muss aber nicht mit Täterarbeit einhergehen, sondern das Hauptaugenmerk liegt auf der Betroffenenperspektive. CA ist also umfassender angelegt, meiner Interpretation nach. Das soll allerdings keine Hierarchisierung der Konzepte sein.
Ich frage mich nun, inwiefern diese Konzepte auch auf Räume des Netzes anwendbar sein können, auf ihre spezifischen Grenzen, Eigenschaften, Kommunikationswege und Beziehungsdynamiken. Würde das Defma-Konzept 1:1 übertragen werden, müssten die Betroffenen entscheiden, was sie sich wünschen von anderen, von den attackierenden Personen, ggf. wären auch hier eine radikale Meidung entsprechender Personen oder konsequente Ausschlüsse (den solidarisierende Personen mittragen und vor anderen auch vertreten) die Folge. Mindestens, und das wäre bei beiden Konzepten der Fall, wäre so eine offene Diskussion (ohne Infragestellung, Rechtfertigung der Betroffenen) möglich über den Umgang mit solchen Personen und Vorfällen. Konsequenzen und Gefühlslagen könnten in einem wertschätzenden Klima besprochen werden, ohne Perspektiven von Betroffenen zu negieren. Öffentlichkeitswirksamer Solidarisierungen und Aktionen gegen diese Formen der Gewalt wären ebenso möglich. Auch hätten andere Betroffene die Möglichkeit sich zurückzuziehen und bei diesen Aktionen nicht mitzuwirken, da sie Triggerpotenzial beinhalten, aber ein Rückzug aus Täterschutzgründen wäre nicht mehr tolerierbar.
Nachfolgend findet ihr ein paar wertvolle Links zum Einlesen in die beiden Konzepte, die Yori Gagarim vor einiger Zeit mal zusammengetragen hat, danke hierfür. Ich möchte mit euch in Austausch darüber treten, was ihr für Ideen/Links/Texte habt, für gangbar haltet, euch wünschen würdet, ihr könnt natürlich auch eure Erfahrungen mit Gewalt oder mit den Konzepten (gern auch anonym) per Mail an mich oder in die Kommentare schreiben. Ich werde äußerst streng moderieren, so dass sich hier keine Leute tummeln können, die hier nichts zu suchen haben. Super fände ich auch, ihre schreibt eigene Blogposts zum Thema (schickt mir ggf. den Link, wenn ihr nicht wollt, dass das an die große Glocke gehängt wird), damit sich nicht alles auf das Blog hier konzentriert und mehr Menschen davon erfahren. Danke.
http://www.incite-national.org/index.php?s=114
http://www.phillyspissed.net/node/36
http://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2010/11/Taking-Risks.-CARA.pdf
http://incite-national.org/media/docs/0985_revolution-starts-at-home.pdf
http://www.transformativejustice.eu/?p=437
http://asbb.blogsport.de/2008/03/23/when-my-anger-starts-to-cry/
http://transformation.blogsport.de/
http://www.phillyspissed.net/node/18
http://www.phillyspissed.net/node/10
http://www.jpberlin.de/antifa-pankow/defmacht/
Notes:
- Vor einigen Monaten flammte mal kurzzeitig eine Debatte um “Internetethik” auf, die auf meine Fragen/Gedanken nur bedingt eine Antwort wusste und sich eher mit “universaleren” Fragen um Moral und Kommunikation auseinandersetzte. ↩
Antwort der ZEIT
Ein_e Redakteur_in der ZEIT schrieb mir gestern eine E-Mail auf meine Kritik am rassistischen Sprachgebrauch in einem ihrer Artikel über Rassismus mit der freundlichen Bitte, das zu ergänzen, was ich hiermit tue.
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Liebe Nadine Lantzsch,
Ich arbeite bei der Zeit und Fabian Dannenberg ist ein guter Freund von mir. Zusammen haben wir die Idee fuer den Artikel entworfen, und ich habe ihn bis zur Produktion betreut. Ich bin nicht weiss.
Fabian und ich haben Wort fuer Wort abgesprochen, was in der Ueberschrift, der Unterzeile und der Bildunterschrift steht. Die Zeile fand er “genau richtig”, weil sie den rassistischen Hass klar und abscheulich widerspiegelt.
Der Post auf Medienelite basiert also auf zwei Annahmen, die nicht stimmen. Mir ist es wichtig, das zu korrigieren und Fabians Artikel zu verteidigen. Ich waere Dir daher dankbar, wenn Du die Fehler korrigieren oder meine Antwort als Kommentar darunter stellen koenntest.
Viele Gruesse,
Khue Pham
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Zur Transparenz: Es ist also in diesem Fall so, dass Worte wie “N.” in der Überschrift sowie “Rassenhass” in der URL, die ich in meinem Artikel kritisierte, offenbar mit dem Autor abgesprochen waren.
Das ist natürlich zu begrüßen, also die Absprache. Dieser Teil meiner Kritik ist demnach nicht zutreffend.
Auch wenn hier von Betroffenen bestimmt wurde, was wie genannt wird, impliziert die Verwendung von “Rassenhass” ohne Anführungszeichen und ohne weitere Kontextualisierung, es gäbe so etwas wie “Menschenrassen”, die aufgrund ihrer “Rassenzugehörigkeit” diskriminiert werden.
Die Verwendung von N. im Artikel kann natürlich ein Trigger für Betroffene darstellen, genauso wie in der Überschrift, aber sie sind immerhin eindeutig als Zitate gekennzeichnet, wo klar ist, dass N. keine Selbstbezeichnung oder korrekte Bezeichnung darstellt. Im N-Wort drückt sich natürlich erstmal, wie Redakteur_in und Autor ebenfalls meinen, Rassismus aus. Die Verwendung des N-Wortes ist _immer_ rassistisch. Es gibt keine Ausnahme. Ich finde, dass der Artikel das gut illustriert. In der Überschrift kulminiert also das, was der Autor in seinem Artikel beschreibt. Ich sehe ein, dass das ein gutes Argument für die Verwendung im konkreten Fall ist.
Als eine, die in Sachen Herrschaftskritik auch auf Sprache achtet, finde ich es trotzdem unglücklich, dieses Wort in die Überschrift zu packen. Da die hiesige Gesellschaft weder aware in Sachen Rassismus ist, noch kritisch mit Rassismus umgeht, kein antirassistisches Wissen zum Alltagswissen gehört, trägt die Verwendung des N-Wortes (vor allem so plakativ in der Überschrift) zur Normalisierung bei. Das N-Wort wird nach wie vor benutzt, um Schwarze zu beleidigen oder über Schwarze Menschen zu sprechen, auch wenn dahinter die Absicht steht, mit der Verwendung zu illustrieren, dass hier gerade über Rassismus/rassistische Beleidigung gesprochen wird.
Da weiße die Definitionsmacht darüber besitzen, wie über Rassismus gesprochen wird, bricht die Verwendung mit dieser Definitionsmacht leider nicht. 1 Will sagen, dass auch weiße dann die Verwendung des N-Wortes für legitim halten, wenn sie Rassismus kritisieren wollen. Da ihnen die Entscheidung darüber nicht zusteht, finde ich Sprachpolizei immer gut, um ihnen diese Sprache “wegzunehmen” oder zumindest mit Abkürzungen wie “N-Wort” oder “N.” zu arbeiten, um anzuzeigen, dass hier ein Problem mit dem Sprachgebrauch besteht und Betroffene nicht weiter zu verletzen / zu triggern.
Ich freue mich sehr über diese E-Mail, da Feedback zu Kritik an Artikeln in Massenmedien selten ist. Und weil mit dieser Tatsache an der einen oder anderen Stelle doch mal gebrochen wird.
Wer sich mit rassistischem Sprachgebrauch auseinandersetzen will, dem_der sei “Afrika und die deutsche Sprache” und “Wie Rassismus aus Wörtern spricht” als Einstiegsliteratur empfohlen. “Rassismus auf gut Deutsch” ist empfehlenswer für alle, die die anderen Bücher schon kennen bzw. einen akademischeren/sprachwissenschaftlicheren Zugang wollen.
Notes:
- Weshalb ich das Wort nicht mehr ausgesprochen/ausgeschrieben verwende – egal, mit wem und in welchem Kontext ich spreche/schreibe. ↩
Kurze Gedanken zu Jane Elliotts Antirassismustrainings
Als Martin Luther King erschossen wurde, hat sich die damals als Lehrerin arbeitende, weiße US-Amerikanerin Jane Elliott an einem Experiment versucht: Sie teilte ihre Schulklasse in Braun- und Blauäugige ein. Die Braunäugigen waren aufgerufen, die Blauäugigen schlecht zu behandeln. Ihnen zu unterstellen, sie wären ungebildet, ignorant, böse. Die Kinder spielten das Spiel mit und merkten schnell: Die Wirkungsweisen von Rassismus sind so banal wie um-sich-greifend. Jede_r kann rassistisch handeln.
Das “Augen-Experiment” hat internationale Bekanntheit erlangt und Jane Elliott arbeitet nach wie vor als Antirassismus-Trainerin. Mit unterschiedlichem Erfolg. Was einerseits an dem Kontext liegt, in dem sie als Dozentin die Trainings durchführt und an ihrer Art und Weise dies zu tun.
Ich habe mir vor ein paar Tagen zwei Filme mit ihr angesehen. Eine Filmreihe mit dem Titel “How racist are you?”, die mensch sich unter folgendem Link in fünf Teilen anschauen kann. (Triggerwarnung für Rassismus-Denials und rassistische Äußerungen der Teilnehmer_innen)
Der andere Film hieß “The angry eye”:
Die Filme unterscheiden sich. Im ersten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Erwachsenen aus Großbritannien. Das Experiment misslingt, kaum eine_r der weißen Teilnehmer_innen lässt sich auch nur ansatzweise auf einen Erkenntnisprozess ein. Zumindest zeigen das die Szenen. Im zweiten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Schüler_innen aus den USA. Das Experiment ist erfolgreich. 1
Doch warum? Ich erkläre mir das so, dass in den USA aus der Historie heraus ein Grundwissen darüber herrscht, was Rassismus ist, wie und wo er sich institutionalisiert hat. Über Rassismus wird in den USA offener gesprochen. Rassismus ist kein Tabu. Was sich als Tabu herausstellt, ist die Thematisierung von weißen Privilegien und inwiefern das auch etwas mit mir selbst (als weiße Person) zu tun hat. Das ist jetzt grob vereinfacht, aber allein der Fakt, dass es dort große soziale Bewegungen gegeben hat, die bspw. in Europa weitestgehend ausblieben, macht schon einen Unterschied. Das heißt nicht, dass dort in postrace-Verhältnissen gelebt und gehandelt wird, im Gegenteil, allerdings wird Rassismus in den USA nicht grundsätzlich negiert.
Im Gegensatz dazu zeigen sich die Proband_innen aus UK in fast ausschließlicher Verteidigungshaltung. Die Übungen werden vielfach von weißen boykottiert und verfehlen so ihre Wirkung. Ein PoC erklärt, dass er seine “biracial” Tochter niemals von der Schule abholt, weil sie in einer vollkommen weißen Schule “zum Glück” noch als “weiß genug” gelesen wird und er nicht möchte, dass sie Schwarz “wird”. Eine weiße Lehrerin(!) erklärt darauf hin, dass ihr Mann auch nicht in seinen legeren Klamotten zur Arbeit geht oder seine Tochter von der Schule abholt m( So geht es eigentlich die ganze Zeit. Die weißen Proband_innen halten sich für reflektiert genug zu erkennen, was Rassismus ist und behaupten, sie würden immer und überall intervenieren, wenn ihnen Rassismus auffällt. Rassismus hat mit ihnen persönlich nichts zu tun. Eine Derailing-Strategie jagt die nächste. Sie fühlen sich angegriffen, verletzt, ungerecht behandelt, von Elliott selbst, von den PoC im Raum.
Ich hatte mir beim Schauen des Films gedacht, dass die weißen zugänglicher wären, auch weil Elliott als weiße Autorität in Erscheinung tritt und es eigentlich hätte zu Bonding-Effekten kommen können. “Aaah, wenn es mir eine weiße erklärt, dann muss sie ja recht haben”. Was Elliott jedoch macht: Sie verhindert das, weil sie weiße Verteidigungshaltung kaum zulässt und stets am Sanktionieren ist, wenn es zu Privilege Denying und White Whining kommt. Mir imponiert dieser straighte Umgang sehr, ist er doch konsequente Solidarisierung mit Betroffenen. Er kann allerdings auch Rassismus verstärkend wirken. Nicht weil Elliott so handelt, wie sie es tut, sondern weil die weißen denken, ihnen würde kein Raum gewährt: Zum Lernen und zur Artikulation.
Wenn offenbar nicht einmal ein Grundbewusstsein darüber vorherrscht, was Rassismus ist und wie er sich äußern kann, dann ist es schwierig, weiße Proband_innen mit dieser Taktik etwas “beizubringen” bzw. sie zum Lernen zu animieren. Ich gehe mal davon aus, dass das Experiment hierzulande ähnliche Effekte hätte. Es ist nicht Elliotts Aufgabe, Rassismus so zu vermitteln, damit auch der_die letzte weiße es endlich kapiert, schon gar nicht, wenn Betroffene im Raum sind, denn offensichtlich funktioniert ihr Experiment auch in anderen Kontexten. Aber es wird schwieriger, wenn wir uns in Kontexten bewegen, wo Rassismus nicht zum Alltagswissen gehört. Der Diskurs um “wir sind doch alle gleich” ist offenbar in einigen Nationalstaaten derart hegemonial, dass er sich nur schwer aufbrechen lässt. Noch nicht mal dann, wenn bspw. anerkannt wird, dass sexualisierte Gewalt verachtenswert ist, herrscht Konsens darüber, dass dies bestimmte Ursachen hat, die auch mit mir selbst als vergeschlechtlichtes Wesen zu tun haben. Dass jeder Typenwitz über Frauen Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Nice Guy Gejammere Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Festhalten an Privilegien Ausdruck dessen ist, was Herrschaft weiterhin legitimiert.
Letztendlich geht es bei jeder Denial- und Derailingstrategie darum, ob ich das Gefühl habe, als guter oder als schlechter Mensch zu gelten. Handele ich rassistisch, bin ich schlecht. Ich will aber nicht schlecht sein, deswegen weise ich jeden Vorwurf der rassistischen Handlung von mir. Diese Haltung ist dermaßen selbstbezogen und ignorant, dass es schon fast wieder lächerlich ist, wenn diese Menschen behaupten, sie wären tolerant und am Gemeinwohl oder an Gerechtigkeit interessiert. Denn offenbar ist ihnen nur daran gelegen, ihre Komfortzone nicht zu verlassen.
Ich denke, dass da anzusetzen als erster Schritt wichtiger wäre, als weißen vor den Latz zu knallen, wie und wo Rassismus auftritt. Denn die Abwehrhaltung ist ein erstes Zeichen dafür, dass eigentlich das Verständnis dafür da ist, worum es gehen soll, aber der Egozentrismus noch den Riegel vorschiebt. Denn sonst würde ja mit Gleichgültigkeit reagiert werden (so meine Interpretation).
Notes:
- In “The Angry Eye” weist eine weiße Probandin darauf hin, dass sie das Gefühl hat, im Training werde Rassismus als “schlimmer” bewertet als Sexismus und Homophobie. Sie fühle sich deswegen unwohl und in ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen zurückgewiesen. Elliott reagiert auf dieses Unbehagen, indem sie die weiße Frau und einen Schwarzen Teilnehmer nach vorn holt und erklärt, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungswelten haben, die wir erst einmal akzeptieren müssen, ohne sie abzuerkennen. Die Oppression Olympics werden leider nicht thematisiert bzw. aufgelöst, stattdessen arbeitet Elliott mit stark verkürzten Differenz(feministischen)-Ansätzen. Sie geht nicht auf Intersektionalitätsaspekte ein und definiert Geschlecht lediglich in Gebärmutter(nicht)/Penisvorhandensein. Es wird also kein Machtverhältnis thematisiert, das kontextabhängig unterschiedliche Wirkungen hat und die ProbandInnen stets verschieden positioniert, sondern Elliott erklärt: Alle sind grundverschieden. Essentialismus galore!
Was allerdings dem “geschulten” Auge klar wird: Dies ist ein Awarenesstraining für Rassismus. Kein “Lasst uns über all unsere Diskriminierungserfahrungen sprechen. Diese Gefühle, die die weiße (meiner Zuschreibung zufolge nicht heterosexuell begehrende) Probandin macht, hatte ich auch schon öfter. Oppression Olympics sind scheiße, aber hier gilt es zu unterscheiden, ob das nur meine Wahrnehmung ist, weil ich auch mal sagen will, wie diskriminiert ich bin und das Gefühl habe, das nicht zu “dürfen”, oder ob mein_e Gegenüber_in tatsächlich vorhat, Macht- und Unterdrückungsverhältnisse zu hierarchisieren, indem sie es konkret so benennt. Das ist nicht immer eindeutig zu trennen, aber ich denke, das ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir Diskriminierung auf der Interaktionsebene betrachten. ↩
Zur Dialektik in der Sache “Frau”
Neulich las ich diesen Artikel von Yasemin Shooman über das Bild der muslimischen Frau in Westeuropa. Sie wird einerseits als hilfsbedürftiges, vom “islamischen Patriarchat” unterdrücktes Wesen dargestellt, andererseits als gefährlich, sich ausbreitend (die vielen Kinder!!111!!1), undurchsichtig, düster.
Ich erinnerte mich wieder an eine Studienarbeit von Frau X., in der sie das dialektische Frauenbild in Europa zur Zeit der Renaissance untersuchte. Heilige-Hure-Prinzip. Marienverehrung einerseits, Hexenverbrennung andererseits. (ich breche das jetzt mal ganz unwissenschaftlich runter). Und welche popkulturellen Referenzen auf diese Zeit sich noch heute finden lassen. Als eines ihrer Beispiele nannte sie “Like a prayer” von Madonna (pun intended!), das Video und das Cover des gleichnamigen Albums. 1
Dann las ich heute das auf Soup.io. Wer mehr zu Friendzone lesen will, bitte hier entlang.
Als ich mich vergangenen Sommer für den Berliner Slutwalk engagierte, hatten wir ähnliche Diskussionen zum Slut-Begriff (nicht nur in der Orgagruppe). Während es beim Slutwalk u.a. um die Aneignung einer sexistischen Beleidigung ging (v.a. in den USA), hatten wir uns intern darauf geeinigt, dass uns dieser Aneignungsaspekt nicht sooo wichtig ist. Weil es einerseits Menschen gibt, für die dieser Begriff auch nicht mit Aneignung an Verletzungs- und Triggerpotential verliert, andererseits wir nicht vorgeben wollten, wie mit diesem Begriff umzugehen sei. Wir nahmen das Label als Art Corporate Identity und stellten andere Aspekte/Inhalte des Slutwalks in den Vordergrund. Auch um ein bisschen die Diskussionen zu umschiffen, die zwangsweise auf uns zukamen. Als ich im Nachhinein einige Vorträge zum Thema hielt und Diskussionen beiwohnte, wurde ich immer wieder darauf angesprochen, warum wir uns denn nun mit diesem Begriff “schmückten” und ob wir denn damit nicht die patriarchale Zuschreibung bestätigten…
Sookee bringt es in “Bitches, Butches, Dykes & Divas” ganz gut auf den Punkt (ab 0:56).
Ohne jetzt inhaltlich noch einmal die “Schlampen-Diskussion” aufzuwärmen, hatte ich in den Eindruck, dass die Mehrzahl der Fragesteller_innen nicht einverstanden war mit dem Begriff. Obwohl dem Schlampen/Huren-Bild eine Dialektik innewohnt und diese Dialektik auch immer als Ganzes verstanden werden muss, nämlich zusammen mit ihrem Gegenstück “Heilige”, wollen sich viele Frauen* für eine Seite entscheiden. Nämlich die “Gute”. Werden die Dialektik und ihre Widersprüche als solche dargestellt, führt das zu Verwirrung, verstört, subvertiert sogar.
Europäische Denkkultur basiert auf Dialektik. Zwei Seiten einer Medaille. Das Selbst definiert sich in Abgrenzung zum Anderen, das als Gegensatz zum Selbst konstruiert wird. “Ich bin keine von diesen Schlampen”, “Ich will Sex, aber ich will keine Schlampe sein”. Küchenpsychologisch erklärt ist das Andere unser Spiegelbild, von dem wir uns distanzieren müssen, weil wir es als gefährlich/schädlich empfinden. Mit Widersprüchen in sich selbst können die meisten nicht leben, obwohl sie es täglich tun.
Das Problem ist nicht die Schlampe/Hure, sondern, dass sie als patriarchales Zurichtungsinstrument funktioniert. Der Dialektik von der guten und der schlechten Frau wohnt ordentlich Selbstdisziplinierungspotenzial inne. Deswegen kann ich es nicht verstehen, warum sich Frauen* so sehr vom Schlampenbegriff (oder Mädchen oder andere abwertende Begriffe für Frauen*) distanzieren. Sie übernehmen nicht nur die Dialektik, die geschaffen wurde, Solidarität unter Frauen* zu verhindern, Frauen* und ihre Sexualität zu disziplinieren, sie bestätigen und bestärken sie.
Natürlich lässt sich darüber streiten, ob eine Aneignung von frauenfeindlichen Wörtern in einem patriarchalen System wirklich Erfolg hat im Sinne einer Rückeroberung. Ich bezweifle das auch. Doch geht es wirklich darum? Um die Rückeroberung von Wörtern, die eh nicht “uns” gehören? Ist das Ziel feministischen Widerstandes, das Frauen* sich ihrer “guten” Persönlichkeit versichern? Von allen gemocht zu werden? Wer sind alle? Mit wem wird sich da eigentlich solidarisiert? Muss es nicht eher Ziel sein, diese gewaltvollen Dialektiken zu unterwandern und aufzubrechen, um sie ihrer machtvollen Wirkung zu berauben?
Braucht mensch im Kontext von Feminismus, der (nicht nur) Frauen* als handelnde Subjekte begreift, überhaupt noch den Rückgriff auf patriarchale Ordnungsmuster à la “Ich bin nicht eine von ‘diesen’ Frauen” und systembestätigende Abgrenzungen? Ist nicht ein Ziel von Feminismus eben genau diese Ordnungsmuster zurückzuweisen?
Ich sage: ja.
Frauen*, die ihren Hijab (auch) aus Protest tragen, Frauen*, die sich Schlampe nennen, Frauen*, die das Label Lesbe, Emanze, Feministin nicht ablehnen, sondern annehmen und mit Leben füllen. Es geht nicht darum, ob die Zuschreibungen von außen zutreffen oder nicht. Das kann eine_r sowieso nicht autonom entscheiden. 2
Notes:
- Like a virgin ließe sich sicher auch noch anführen, aber Like a prayer spielt ja dezidiert mit christlicher Symbolik – auf den Schwarzen Jesus will ich indes an dieser Stelle nicht näher eingehen, das würde einen eigenen Blogpost benötigen ↩
- Lesetipp dazu auch von den Fuckermothers bezogen auf Sexualität und Mutterschaft ↩
Rassismuskritik in den Medien: Die ZEIT und das N-Wort.
Es ist beachtlich, welch hohe Wellen die rassistische Praxis am Schlosspark-Theater in Berlin in den Medien schlägt. Seit Bekanntwerden des keineswegs Einzelfalles am Theater häufen sich Beiträge zu Alltagsrassismus, Rassismuskritik und Rassismuserfahrungen von Schwarzen, Afrodeutschen, People of Color und den “Migrationsanderen” in Deutschland, selbst das europäische Ausland berichtet.
Nach wie vor ist es wichtig, die Sprache genauer unter die Lupe zu nehmen, mit der das geschieht. Aufgefallen ist mir die Seite 3 in der ZEIT, in der der Fabian Dannenberg von seinen Erfahrungen berichtet. Die Gewalt, die ihm widerfahren ist und widerfährt, äußert sich auch in der Sprache, mit der er konfrontiert wird. Häufig ist im Artikel das N-Wort zu lesen.
Der Artikel von Fabian ist ein Gastbeitrag. Gastbeiträge folgen häufig auf Anfragen des entsprechenden Mediums. Gängige Praxis: Autor_innen liefern den Volltext ohne Überschrift und Schlagwörter. Redakteur_innen des Mediums, die den Artikel betreuen und/oder das Lektorat liefern den Rest. Es ist eher unüblich, die Überschrift noch einmal mit dem_der Autor_in abzuklären. Als Überschrift prangt “Was willst du hier, N.?”, Schlagwort der ZEIT ist “Rassenhass” (siehe URL), ein_e wohl etwas hellerer Kolleg_in hat im Artikel für ZEIT Online in der Stichzeile “Rassismus” geschrieben (über der Überschrift). Ich frage mich, was das soll…
Die Überschrift ist ein Zitat aus Fabians Text. Offenbar ist/sind sich die/_der zuständigen Redakteur_innen bewusst, dass N. ein rassistisches Schmähwort ist. Trotzdem schreiben sie es ausgeschrieben in die Überschrift. Auch wenn von Rassismus Betroffene dieses Wort in aller Deutlichkeit benutzen, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Auch wenn das N-Wort eine weiße Erfindung früherer Kolonialherren ist, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Für mich sagt diese Überschrift aus, dass die ZEIT sich vielleicht nicht darüber im Klaren zu sein scheint, welche triggernde und verletzende Wirkung dieses Wort auslösen kann bei Betroffenen oder sie stellen sich einfach keine_n nicht-weiße_n Leser_in vor. Vielleicht ist ihnen die aufmerksamkeitsheischende Wirkung des N-Wortes wichtiger als der sensible Umgang mit Sprache, ich weiß es nicht. Ich kann nur vermuten. Was soll diese Überschrift bei diesem Inhalt? Ist es nicht möglich, eine ebenfalls drastische Überschrift für den drastischen Inhalt zu finden, die ohne rassistisches Sprachvokabular auskommt?
Zum Label “Rassenhass”. Ich hatte kurz den Gedanken an Apartheidsregime. Rassismus ist kein Äquivalent für “Rassenhass”. Es gibt keine “Menschenrassen”. Das ist ein biologistisches Konstrukt, das in der Zeit der Aufklärung eingeführt wurde, um Hierarchien entlang einer biologistischen Achse zu rechtfertigen. Schwarz und Weiß sind politische Begriffe und keine “Beschreibungen” phänotypischer Merkmale, keine Hautfarben-Farben und keine Einteilungskategorien von “Menschenrassen”.
Der Artikel von Fabian spricht für sich. Rassismus ist Normalzustand, Realität für viele, die in der BRD leben. Rassismus ist Gewalt. Die sich u.a. durch und mittels Sprache äußert. Weiße besitzen Definitionsmacht über Rassismus und rassistische Sprache. Es ist zynisch, Fabians Text mit solch einer Überschrift und solch einem Label zu versehen, die sinnbildhaft für das stehen, was nach wie vor existent ist. Sprache bildet Gesellschaft ab. In diesem Fall die rassistische, dekonstruierbar ist das allerdings nur für geschulte/sensibilisierte Menschen. Und selbst, wenn alle diese Konstruktionen als solche erkennen würden, obliegt es nicht den Weißen darüber zu entscheiden, ob das “trotzdem okay” ist.
Ich würde mir wünschen, wenn in Zukunft solche wenigen, von der weißdeutschen Mehrheitsgesellschaft autorisierten subalternen Stimmen wie die von Fabian Dannenberg wenigstens konsequent beachtet werden würden und nicht erneut mit Rassismen belegt. Der Gebrauch von rassistischer Sprache trägt zur Normalisierung dessen bei und er gibt Weißen das Signal, dass es okay ist, Wörter wie N. zu benutzen, solange die “gute Absicht”(TM) dahinter steht.
Wenn über Herrschaft gesprochen wird, ist es wichtig zu beachten: Wer redet wie über wen in welchem Kontext? Zwangsläufig schreiben/sprechen nicht ausschließlich Betroffene über Herrschaft. Es wäre natürlich sinnvoll, allerdings ist das alles etwas komplexer als bloße Zugehörigkeit zu Kollektiven, als Identität. Herrschaft betrifft auch diejenigen, die keine Gewalt erfahren. Wenn Weiße ausschließlich über Weißsein und Verantwortung schreiben, Schwarze ausschließlich über Rassismus und Empowerment, dann haben wir wenig aufgebrochen von diesem aufteilenden und Entitäten schaffenden Prinzip, das Herrschaft innewohnt. Gerade weil dieses Prinzip so allgegenwärtig ist und ständig am Werk, sollte der sensible Umgang mit Sprache zu den ersten Schritten bei der Analyse von gesellschaftlichen Zuständen gehören. Herrschaftskritik ist nicht zuletzt eine Frage der Konsequenz. Zur Konsequenz zählt auch, sich als dominante Gruppe endlich von Herrschaftssprache zu befreien, auch wenn diese irgendwann mal von irgendeiner politischen/wissenschaftlichen Autorität zur “Abbildung” und Analyse geschaffen wurde. Das bedeutet auch, Definitionsmacht darüber abzugeben, wie über Herrschaft gesprochen wird. Das heißt auch, Worte wie Fremd(enfeindlichkeit), “Rasse(nhass)” und N. endlich aus dem Vokabular zu streichen, Ausländer(feindlichkeit) nur dann zu benutzen, wenn Ausländer_innen gemeint sind und sich auch da mal zu überlegen, für wen der Begriff “Ausländer” eigentlich gilt und für wen nicht, wer in diesem Land Bürger_innenrechte erhält unter welchen Bedingungen. Nationalismus ist eine Komponente im rassistischen System, nicht die ausschließliche. Aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.
UPDATE: Die ZEIT hat auf diesen Artikel geantwortet.
Nice Guy. Oder wie das Patriarchat unsere Beziehungs- und Begehrensformen einschränkt
Was mich an Nice Guy, Friendzone und Pick-Up extrem nervt (neben der patriarchalen Anspruchshaltung, eine Frau* habe irgendwie die Bedürfnisse eines Typen zu befriedigen – wie auch immer sich diese Bedürfnisse artikulieren), ist der heterosexistische und androzentrische Gehalt an der Sache.
Offenbar kommt es vielen Typen nicht in den Sinn, dass es Menschen gibt, die einfach wenig mit Typen anfangen können, sie nicht begehren, sexuell attraktiv finden oder sonst wie mit ihnen sozial interagieren wollen. Das mag verschiedene Gründe haben (Gewalterfahrungen, Formulierung eigener autonomer Sexualität – Bisexualität, Asexualität, Homosexualität, Unlust, lieber Masturbation statt Körperlichkeit mit einem Typen) und diese werden einfach negiert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem armen Mann, der keine Frau abbekommt.
Die meisten Menschen kennen das Gefühl, einen anderen Menschen zu begehren (muss ja nicht immer sexuell sein) und dieses Begehren nicht erwidert zu bekommen. Ich habe in meiner Jugendzeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe mich schlecht und ungeliebt gefühlt, ich wurde depressiv (mag sicherlich auch mit anderen Faktoren zusammengehangen haben), zog mich zurück, ich entwickelte Hass und Wut (manchmal sogar Aggressionen) gegen die Person, die mich nicht wollte und stattdessen lieber mit diesem Vollpfosten durch die Gegend zog, der sie zudem schlecht behandelte. Ich wurde sogar von diesen Vollpfosten verspottet. Ich kenne also die Gedanken- und Gefühlswelt eines “Nice Guys”, obwohl ich eine Frau bin. Für viele der Macker, Sexisten und Machos unter den sogenannten Nice Guys mag das vielleicht nicht vorstellbar sein. Dass es außer ihrer egozentrischen und selbstverliebten Perspektive noch andere Erfahrungswelten gibt.
Ich denke, dass wir durch diese Erfahrungen lernen (können), wie sich partnerschaftliche, romantische Beziehungen, Liebe und Sex, Freund_innenschaften artikulieren können und dass zu einer erfüllten Beziehung zu einem oder mehreren Menschen (egal wie diese aussiehen) noch mehr gehört als Befriedigung eigener Bedürfnisse. Diese Erfahrungen sind kostbar, denn sie machen uns zu sozialen Wesen (selbst, wenn wir uns selbst als “beziehungsunfähig”, “asozial” oder “inkompetent” labeln).
Ich habe gelernt, dass ich keinen Anspruch auf andere Menschen habe. Niemand gehört (zu) mir. Ich kann nur nett sein, mich selbst lieben. Solange ich das für andere tue, für potenzielle Interaktionen, solange funktioniert das nicht. Ich muss nicht mal mich selbst besonders mögen oder mit meiner Person zufrieden sein, um für andere als liebens- und begehrenswert zu gelten. Ich muss einfach ich sein. Und wer nicht damit klarkommt, ja c’est la vie. Es ist traurig, dass sowas überhaupt nicht zur Debatte steht, wenn Typen ihre Anspruchshaltung so völlig ungeniert formulieren wie beim Nice-Guy-Phänomen. Als ob eine Freundschaft zu einer Frau irgendetwas minderwertiges darstellt als Liebe oder Beziehung oder Sex. Als ob Freundschaft nicht auch Zärtlichkeiten beinhalten könnte, nicht auch eine Form der Liebe oder der Beziehung ist.
Aber das finde ich nur heraus, kann ich nur mit (der) anderen Person/en erfahren, wenn ich mich auf sie einlasse und ihre Bedürfnisse und Grenzen zu jeder Zeit zu schätzen weiß. Komischerweise – anders als viele meinen – macht das nicht Flirten oder Anzüglichkeiten, kleine liebevoll gemeinte Chauvisprüche überflüssig. Ich kann dennoch daneben liegen oder Grenzen übertreten, aber dann kann ich das akzeptieren, mich entschuldigen und fertig. Während für Typen immer die Rechtfertigung eines “triebgesteuerten” Wesens gilt, besitzen Frauen* dieses Rechtfertigungsmuster nicht. Sie besitzen im Kontext von Nice Guy oder Friendzoning überhaupt keine eigenständige Sexualität, kein autonomes Begehrensreservoir, keine Entscheidungsfreiheit. Entweder sie nehmen den Typen, oder sie sind gefühlslose Bitches, die sich von irgendwelchen dahergelaufenen Machos durchficken lassen, statt den Nice Guy mit offenen Armen (oder Beinen?) zu empfangen. Kurz gesagt: Ihnen wird der Subjektstatus abgesprochen.
Viele meiner Freundinnen klagten schon ihr Leid, dass sie mal wieder einen netten Mann getroffen haben, mit dem sie sich hätten tatsächlich eine tolle Freundschaft vorstellen können, nur “leider” wollte der was anderes als Freundschaft. “Kann man als Frau nicht mal mit nem Mann befreundet sein? Ist das so schwer?”. Ich antwortete immer mit: “Ja.” Das paradoxe an der Sache ist ja, dass auch Männer Menschen sind und daher accountable für ihr Handeln. Diese Gesellschaft macht, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir jetzt als Typ diese Frau sexuell begehren müssen, weil wir das so gelernt haben oder ob wir sie einfach als Menschen toll und attraktiv finden. Freier Wille? I don’t know.
Viel trauriger daran ist, dass auch Frauen in dieser Gesellschaft daher eingeschränkt werden: Nämlich immer darauf zu achten haben, dass sie niemandes Gefühle verletzen und stattdessen lieber seine Avancen nett umschiffen oder lächeln (Don’t forget to smile!!), sich unwohl fühlen müssen, weil er ja sonst verletzt sein könnte. Vielleicht zu einem Mann wirklich schwerer Beziehungen aufbauen können, weil “er sonst denken könnte, dass”. Schon mal drüber nachgedacht, lieber Nice Guy? Dass es hier nicht nur um deine, sondern auch um die Gefühle und Einschränkungen deiner Gegenüber geht?
Ich lebe mittlerweile in meiner vierten längeren Beziehung, bin seit sieben Jahren out und hatte trotzdem in all den Jahren Probleme damit, meine Gefühle für andere Personen offen zu artikulieren. Entweder, weil ich zu schüchtern war oder nicht wollte, das meine Gegenüber denkt, ich würde sie irgendwie sexuell begehren. Ich wollte keine Freundinnenschaft zerbrochen wissen. Körperliche Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeiten zeigen und gezeigt bekommen von anderen Frauen bereitet mir noch immer Unbehagen. Wahrscheinlich, weil ich in einer Gesellschaft sozialisiert bin, wo sowas gleich mit Anspruchshaltung und Pflichterfüllung verknüpft wird.
Erst langsam lerne ich, dass eine romantische (Zweier-)Beziehung nicht an Sex geknüpft sein muss, dass Freund_innenschaften mehr sein können als nur “sich zu mögen” oder “gut zu verstehen” und dass Zuneigung in erster Linie eine Form von Wertschätzung der Person ist und nicht ihres Aussehens/ihrer Ausstrahlung. Die Grenzen sind fließend und jeder Mensch bestimmt sie anders. Natürlich ist das komplizierter als das sexistische wie funktionalistische Pick-Up. Natürlich ist das komplizierter als “Friendzoning”. Natürlich gibt es in dem Sinne keine “Nice Guy vs. Arschloch”-Bipolarität. Deal with it!
Deutsche “Qualitätsmedien” und rassismuskritische Berichterstattung
Die rassistische Inszenierung von “Ich bin nicht Rappaport” am Schlosspark-Theater in Berlin schafft es nun auch besprechend in die Medien. Wie eigentlich zu erwarten war, werden die Kritiker_innen nur kurz zitiert, das ganze dann als “Rassismus-Vorwurf” interpretiert oder Kritik im Konjunktiv formuliert. So als wäre Rassismus Interpretationssache und debattierbar. Viel Raum hingegen bekommen die lächerlichen Rechtfertigungen von Dieter Hallervorden, Theaterleitung, Regisseur, usw. Ein weiteres rhetorisches Mittel in der Berichterstattung ist die Ausblendung rassistischer Kontinuität nicht nur im deutschen Kulturbetrieb, indem Kritik an rassistischen Inszenierungen nicht in einen größeren Kontext eingebettet wird. Die Darstellung der Kritik wird verkürzt auf: “Damals im 19. Jh. gab es diese Minstrel-Darstellungen, dazwischen nix und heute wieder mal eine, die aber… naja… nicht rassistisch ist” Was an sich schon faktisch falsch ist und außerdem verkennt, dass es nicht nur die Minstrel-Darstellungen sind, sondern ebenfalls rassistische Strukturen und Kontinuitäten, Rassismus sozusagen Historizität aufweist, sich u.a. in der Einstellungspraxis an deutschen Kulturbetrieben niederschlägt. Dass mensch das Journalist_in nicht weiß, geschenkt. Denn auch im Journalismus sitzen mehrheitlich weiße, die schreiben. Rassismuskritisches Wissen in der BRD existiert zwar, aber es wird ignoriert und negiert. Rassismus”kritik” in Deutschland heißt: Nazis doof finden, sich für den Holocaust zu schämen, Antisemitismus mit “Hitler fand Juden doof, nicht wir heute” zurückweisen, Antisemitismus für (den “einzigen”) Rassismus halten und Rassismus als historische Gewordenheit und Kontinuität zu leugnen. Kaum ein_e Journalist_in macht sich die Mühe, die vielfachen Lernangebote in Anspruch zu nehmen, die eigene Sprachwahl kritisch zu prüfen oder sich Kritik wirklich durchzulesen.
Deutlich wird: Weiße besitzen die Definitionsmacht über Rassismus. Weiße wollen nicht über Rassismus sprechen, sie wollen rassistisch sein, egal, was Betroffene dazu meinen. Ob in Polizeimeldungen die Herkunft der Täter_innen unverhohlen zum Hauptfakt erklärt wird, egal ob der Pressekodex sagt, dass diese nur in der Berichterstattung auftauchen darf, wenn sie für die Tat von Relevanz ist (was in den allermeisten Fällen nicht der Fall ist), ob für rassistische Übergriffe noch immer die Worte “fremdenfeindlich” und “ausländerfeindlich” benutzt werden, weil mensch es sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass Menschen in diesem Land leben (seit Jahrzehnten oder schon immer), die weder “fremd” noch “Ausländer” sind (Ausländer_innen sind formal solche ohne deutsche Staatsbürgerschaft), wenn jeder rassistische Übergriff immer zugleich als rechtsextrem gelabelt wird, als seien die einzigen Rassist_innen in diesem Land Nazis… Wenn für Schwarze, Afrodeutsche, People of Color (oder Deutsche, hey… es gibt sie tatsächlich) die Bezeichnungen: “Afrikaner”, “Schwarzafrikaner”, “Farbiger”, “Dunkelhäutiger” benutzt werden, ohne sich die Mühe zu machen, die Herkunft der Person oder schlicht die Person ohne rassistische Markierungspraxis vorzustellen… wenn die weiße Norm stets unmarkiert bleibt (weiße Deutsche, Weiße_r, weißer Deutscher mit/ohne Migrationshintergrund), obwohl sie bei rassistischen Übergriffen ein wesentlicher Fakt ist… Wenn immernoch davon ausgegangen wird, dass es sich bei weiß und Schwarz um Hautfarben-Farben handelt und nicht um Bezeichnungen, die einerseits gesellschaftliche Ordnungsmuster sind und andererseits politisch korrekte Begriffe für die jeweilige Gruppe. Wenn Antirassismus als “Gutmenschentum” diffamiert wird. Protest gegen Rassismus oder white supremacy als unprofessionell, nicht journalistisch arbeitend, zu emotional, nicht objektiv abgeschmetttert wird. (Ich spreche aus eigener Erfahrung. Unter anderem ein Grund, warum ich nicht mehr als Redakteurin in deutschen “Qualitätsmedien” tätig bin). Wenn Rassismus ein Schimpfwort oder ein “böses” Wort ist, ein Vorwurf, eine Meinung und kein gesellschaftlicher Fakt.
Ich ärgere mich über all das, weil sich Journalismus häufig als vierte Gewalt im Staat begreift, als meinungsbildend, als gesellschaftsabbildend, als kritisch. Bis auf letzteres trifft auch all das zu. Denn der Staat handelt rassistisch, die Gesellschaft handelt rassistisch und ist rassistisch strukturiert, die herrschende Meinung sagt: Es gibt keinen Rassismus in diesem Land. Nur rassismuskritisch, da hört es bei den meisten dann auf.
Wenn es hart auf hart kommt, wird Rassismuskritik in Beleidigung und Hetze von weißen gegen weiße Antiras umgewandelt, Schwarze Aktivist_innen und deren Stimmen kommen dann nicht mehr vor. Es könnte alles nicht zynischer sein.
Infos für Journalist_innen (auch zum aktuellen Fall):
http://www.derbraunemob.de/deutsch/index.htm – rassismuskritische Media Watch Organisation
https://www.facebook.com/SchlussMitBlackface – Kritik&Abbildung der derzeitigen Berichterstattung
http://riotmango.de/rassismus-ist-kein-kuenstlerisches-stilmittel/ – Zusammenfassung der aktuellen Debatte mit hilfreichen Links
http://maedchenmannschaft.net/unglaublich-aber-auch-2012-sind-rassistische-traditionen-noch-rassistisch/ -Ebenfalls Zusammenfassung der Debatte mit hilfreichen Links
Organisierung für Aktivist_innen:
https://www.facebook.com/groups/207108692717136/ – Dort findet ihr auch die Mailadresse für eine Mailingliste, die Sharon Dodua Otoo initiiert hat.
Was das Recht zu Blackface sagt…
Das AGG und die entsprechenden Änderungen in den Sozialgesetzbüchern formulieren ein
umfassendes Diskriminierungsverbot. Dort ist auch geregelt, dass in bestimmten Fällen unterschiedlich behandelt werden darf, wenn dafür sachliche Gründe vorliegen. So ist es beispielsweise nach wie vor legitim, wenn bei einer Filmproduktion eine schwarze Person von einer schwarzen Schauspielerin oder einem schwarzen Schauspieler dargestellt wird.
(Quelle)
Jo, bevor ich mich über die Formulierung lustig mache, ein Beispiel zur Verdeutlichung: Das Schlosspark-Theater Berlin will gern irgendein Stück aufführen. Im Original/Drehbuch/Text ist einer der Rollen ein Schwarzer älterer Mann, genannt “Midge”. Es werden Schauspieler gecastet. Schwarze und weiße bewerben sich auf die Rolle des “Midge”. Im Idealfall wird die Rolle mit einem Schwarzen Schauspieler besetzt, weil das Theater keine Lust auf rassistisches Anmalen von weißen (“Blackface”) hat. Der weiße kann nun Diskriminierung schreien, weil er nicht für die Rolle ausgewählt wurde, obwohl er evtl. einen “qualitativ hochwertigeren Lebenslauf” in der Darstellerei vorzuweisen hat, es ist lediglich eine Ungleichbehandlung, weil sie durch “sachliche Gründe” (Antirassismus, Logik) gerechtfertigt werden kann. Unerwähnt bleibt hierbei die Tatsache, dass der deutsche Kulturbetrieb aus Gründen von Rassismus sowieso viel weniger nicht-weiße für Rollen castet als weiße und daher sowieso weder Chancen- noch Ergebnisgleichheit, was die Rollenverteilung von Schwarzen und weißen Darsteller_innen angeht, vorliegt.
Diskriminierung läge vor, (und wäre damit auch arbeitsrechtlich durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz – AGG – relevant), die Rolle des “Midge” mit einem weißen zu besetzen mit der Begründung, es gäbe einfach keine Schwarzen Darsteller für die Rolle, denn offensichtlich haben sich ja Schwarze auf die Rolle beworben. Ebenfalls diskriminierend wäre die Begründung, ein weißer könnte einen Schwarzen “besser” spielen als ein Schwarzer. Warum? Weil in beiden Fällen kein “sachlicher Grund” für die Ungleichbehandlung vorliegt. Nein, Rassismus ist kein “sachlicher Grund”.
Im aktuellen Fall hat sich das Schlosspark-Theater Berlin für einen weißen Darsteller entschieden und sie haben ihn angemalt, damit er “schwarz aussieht”. Ich weiß nicht genau, ob sich für die Rolle des “Midge” tatsächlich Schwarze beworben haben, ich kenne mich im Theaterbetrieb mit der Ausschreibung und Vergabe von Rollen nicht aus. Wenn dem so sein sollte, dann liegt hier kein sachlicher Grund vor und es handelt sich um diskriminierende Rollenvergabe, die in den Relevanzbereich des AGG fällt. Aber wahrscheinlich wurde gar nicht ausgeschrieben, sondern einfach jemand aus dem festen Ensemble ausgewählt. Warum hier kein Schwarzer Darsteller zur Verfügung stand, steht auf einem anderen rassistischen Blatt und dürfte ggf. ebenfalls auf diskriminierende Einstellungspraxis (“Schwarze können doch wohl keine normalen Rollen spielen”) hindeuten.
Was leider nicht rechtlich relevant ist, ist die Blackface-Performance als solche. Das AGG ist lediglich anwendbar auf die Behandlung von Arbeitnehmer_innen und Bewerber_innen, beim Zugang zu Bildung, bei der Inanspruchnahme von Dienstleistungen und Versicherungen, sowie im Mietrecht. Das AGG ist kein Gesetz, dass bspw. rassistische Diskriminierung generell und überall verbietet, zudem auch nur Einzelpersonen klagen können und keine Verbände, Gruppen oder ähnliche. Das Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3 greift hier ebenfalls nicht, weil das unterschiedliche Rechts- und Anwendungsbereiche sind, um es mal so profan auszudrücken. Andere Gesetze gegen rassistische Diskriminierung haben wir in Deutschland, soweit mir bekannt ist, nicht.
Was sagt uns das? Das geltende Antidiskriminierungsrecht in Deutschland ist nicht weitreichend genug. Wir werden nach wie vor konfrontiert mit rassistischer Kackscheiße, die als Kunst behauptet wird, und kein Schwarzer Darsteller wird bei Blackface-Praxis eines Theaters ernsthaft auf Einstellung klagen. Denn: im AGG ist es so geregelt, dass der_die Kläger_in glaubhaft an der Stelle interessiert sein muss, um Aussichten auf Gewinn des Prozesses zu haben. Neben einem Schadensersatz in sehr geringer Höhe – materieller Ausgleich – werden dann noch die Prozesskosten und ggf. eine Entschädigung – immaterieller Ausgleich – gezahlt. Der Preis für die Einstellung dürfte ungleich höher liegen: Rassistische Gewalterfahrungen im Beruf. Ist das der Fall (vielleicht sogar bei der Vergabe der Rolle von “Midge”?), greift das AGG ebenfalls, allerdings gilt auch hier: Der_die Kläger_in muss weiterhin diese Stelle behalten wollen/auf Wiedereinstellung (bei Kündigung ohne sachliche Gründe) klagen. Furchtbar. Eine Zumutung.
Noch kurz zum Zitat oben: Eine nichtrassistische Vergabe von Rollen als “nach wie vor legitim” zu bezeichnen bei einer sowieso rassistisch strukturierten Theaterlandschaft (und Gesellschaft) ist an Zynismus kaum zu überbieten. Antidiskriminierung darf also permanent auf dem Prüfstand stehen. Diskriminierung nicht. Ekelhaft.
Ich bin froh, dass mittlerweile so viele Beschwerden beim Schlosspark-Theater eingegangen sind. Die Facebook-Wall des Theaters quillt über vor Krawall&Remmidemmi. Gut so. Das macht Betroffenen Mut und lässt auch weiße Antira-Aktivist_innen auf Besserung hoffen. Danke.
Nur zur Erinnerung: Es ist 2012.
Und in Deutschland ist es noch immer kein Tabu Blackface-Kackscheiße auf die Theaterbühnen zu bringen.
Erst vorgestern blieb ich voller Entsetzen vor diesem Plakat stehen und musste drei Mal hinschauen, um mich der traurigen Tatsache zu vergewissern: Deutschland, Rassismusland. Und nein, es wird nicht besser. Eher im Gegenteil.
Wer sich beim Schlosspar-Theater beschweren möchte, schreibt eine E-Mail an betriebsbuero@schlosspark-theater.de.
[via accalmie]
Wenn berechtigte Kritik in Verharmlosung rassistischer Gewalt umschlägt.
Ich finde es ja gut, wenn sich zur Zeit endlich mal der lächerlichen und zuweilen sexistischen Hetze gegen gut situierte Muttis zur Wehr gesetzt wird. Da spielen schließlich viele Dinge mit hinein: verkürzte Kapitalismus- und Gentrifizierungskritik, internalisierter Wohlstandschauvinismus, der irgendwo auf dem Weg der Kritik an sozialer Ungleichheit unproduktiv gewendet wurde, Muttermythos, stereotype Bilder und Gedanken über Frauen, Frauenselbsthass wegen Muttermythos und stereotypen Bildern und Gedanken über Frauen und noch einiges anderes, was mir jetzt auf die analytische Schnelle nicht einfallen will.
Was mir dann aber doch aufstößt, sind unzulässige Vergleiche mit sogenannten “migrantischen” Muttis und Milieus, Burka-Bildern und stillenden Müttern sowie Empörung über “Boot-ist-voll-Rhetorik”. Lassen wir die Kirche doch mal bitte im Dorf bei aller berechtigten Kritik. Wir reden hier über privilegierte Frauen, Bürgertum, Bildungshintergrund, gefälliges Einkommen, gefällige Lohnarbeit, mehrheitsdeutsch, emanzipiert und nicht über eine diffuse Durchschnittsmama, der von allen Seiten der blanke “Euterhass” entgegenweht.
Dass die Prenzlbergmutti nichts für die Gentrifizierung und für ihre sonnige soziale Position kann – geschenkt. Wer auf sowas rumreitet, hat nun wahrlich nicht die konstruktive Kritik auf seiner_ihrer Seite geparkt. Muss ja auch nicht. Wütend sein geht klar, aber dann bitte ohne Bücher, Tweets und Texten mit sexistischem und anderweitig verkürztem Bockmist bei völliger Vernachlässigung der eigenen Position. Um jetzt mal die eigenen Beispiele zu bemühen: Ich lese Pbergmutti-Bashing immer von solchen Leuten, die sich mit ihren Objekten der Kritik auf dem Rasen der Privilegien und Situiertheit prima die Hände reichen können, also Schluss damit. Teile und Herrsche für Dummies ist billig und verharmlosend.
Leider nur verfahren die Pbergmutti-Bashings-Basher_innen nach genau dem gleichen Dummy-Prinzip. Mit den oben skizzierten unzulässigen Vergleichen wird mal eben die eigene soziale Position der gut situierten Mutti mit von Rassismus Betroffenen (Müttern/Frauen) gleichgesetzt (neben dem, dass diese durch den Klassenrassismus der BRD sich auch in einer völlig anderen ökonomischen Position befinden). WTF?! Die Krone des Ganzen setzt sich Esther Kogelboom auf, die einfach mal die nationalistisch-rassistische Ausländerhetze der republikanisch-konservativen Kohl-Ära mit Pbergmutti-Bashing auf eine Stufe stellt. WTF?! “Das Boot ist voll” steht sinngemäß für die Kulmination der staatlich legitimierten und geförderten, z.T. völkerrechtswidrigen Ausbeutung von nicht-weißen “Gastarbeiter_innen” nach 1945 im postkolonialen Deutschland. Als die Menschen, die für das “deutsche Wirtschaftswunder” und den Aufstieg weißer Mehrheitsdeutscher verantwortlich zeichnen (und wahrscheinlich auch traurigerweise zum sozialen Stand der Pbergmutti und deren Mutti beigetragen haben), nicht mehr wichtig genug schienen (weil wirtschaftliche Krisenzeiten immer dazu genutzt wurden, die z.T. illegalisierten und staatsbürgerlich entrechteten “Gastarbeiter_innen” zu entlassen und abzuschieben), da hat sich Arschloch Kohl hingestellt und gesagt, das “Boot ist voll”. Danach kamen die Verschärfung des Asyl- und Ausländerrechts, rassistische Pogrome, Neonazis, mehr als 180 Morde durch Neonazis, “Kinder statt Inder”, Hessen, Thilo Sarrazin und was weiß ich nich noch alles. Strukturell abgesicherte und durch einen dominanzdeutschen rassistischen Diskurs abgesicherte Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung, etc. pp. Das war schon zu Bismarck so, das ist bis heute so. Rassistische Kontinuität. Pbergmutti-Bashing ist nicht auf strukturelle Gewalt zurückzuführen, besitzt keine über 200-jährige Geschichte, wird nicht totgeschwiegen und umgedreht und mit Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Und “Hassprediger”, werte Esther Kogelboom, sind rassistische Arschlöcher wie Kohl, Wilders, Sarrazin, Broder & Co. Nicht irgendein Mensch, der nicht weiß wohin mit seinem Sexismus und seiner verkürzten Kapitalismuskritik. Zumal das ja noch nicht mal Erwähnung findet in dem berechtigten Gejaule.
Sexismus ist scheiße. Rassismus und weißes Privilegiengejammer auch. Intersektionalität zu erwarten, wäre doch zu viel des Guten, aber Verharmlosung von Gewalt und Geschichtsklitterung müssen nun echt nicht noch sein.
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Ergänzung: Ich benutze das Wort ‘Klassenrassismus’ nicht im Sinne der rassismusverharmlosenden Konnotation, sondern beziehe mich auf Serhat Karakayali, der den Begriff in “Paranoic Integrationism. Die Integrationsformel als unmöglicher (Klassen-)Kompromiss” (aus: Hess/Binder/Moser (Hg.): No Integration?!, Bielefeld, transcript, 2009, 95-104) einer anderen Definition unterzog. Er definiert ‘Klassenrassismus” als Zusammenspiel von kapitalistischer Ausbeutung und Rassismus, welches u.a. eine ethnisierende Unterschichtung von Gesellschaft zur Folge hat. Interessant auch hierzu die Beiträge und Herausgeberschaften von Kien Nghi Ha, der sich mit deutscher Kolonialgeschichte, Rassismus und Arbeitsmigration aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive auseinandersetzt.
Noch viel zu wenig beachtet: Klassismus
Klassismus, Classism, Sozialchauvinismus, Wohlstandschauvinismus, Sozialimperialismus, etc. sind Begriffe, die auf ein Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis hinweisen, Machtverteilungen aufzeigen, die mit sozialer Herkunft, Status, Stand, Klassenzugehörigkeit, soziale Position innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, Ökonomie und weiteren Dingen zu tun haben. Wie das in den kritischen Wissenschaftsfeldern so ist, wo noch immer über die Bedeutung von Begriffen wie Dominanz, Hegemonie, Macht und Herrschaft gestritten und keine Einigkeit erzielt wird (ich hänge da auch an vielen Stellen), ist es auch in diesem Bereich nach wie vor nicht eingängig, ob von Klasse oder Schicht gesprochen werden soll, an einigen Stellen findet sich auch Milieu. Je nach theoretischer Herkunft und Zielsetzung des Wissenschaftsfeldes finden unterschiedliche Herangehensweisen an diese Riesenthematik statt. Ein gutes Einführungsbuch haben Andreas Kemper und Heike Weinbach geschrieben. Kemper betreibt ebenfalls das Blog The Dishwasher – Das Magazin für studierende Arbeiterkinder.
Zum ersten Mal wirklich in Berührung gekommen mit der Thematik bin ich über das immer viel zitierte angeblich anarchistisch organisierte Internet gekommen, wo alle mitmachen können. Abgesehen von anderen Hindernissen, die ein “alle” ad absurdum führen, wurde mir da bewusst, dass weder “alle” die Hardware dafür besitzen geschweige denn sich einen DSL-Anschluss leisten können (oder mobiles Internet auf einem mobilen Endgerät) oder die nicht die Möglichkeit haben, an Diskursen teilzunehmen, weil sie viel mehr als bspw. ich in Produktions- und Reproduktionsarbeit eingebunden sind. Nach wie vor findet darüber keine Diskussion in den netzpolitischen Kreisen statt, zumindest keine die über Freies W-Lan für alle hinausgeht. Produktionsbedingungen und Privilegien im Zusammenhang mit Technik werden kaum thematisiert. Als ich in diesem Jahr zusammen mit Helga und Magda von der Mädchenmannschaft einen Vortrag zu Cyberfeminismus auf der re:publica hielt, sprachen wir diese globalen Produktionsbedingungen an, die Achse zwischen Nord-Süd, doch die Diskussion wechselte schnell die Richtung hin zu “Aber guck doch mal die nordafrikanischen Revolutionen, die hamm doch auch alle Internet” oder “Die verdienen in den Fabriken von Apple doch trotzdem mehr als woanders”. Natürlich gab es auch Bewusstsein für die Thematik, aber irgendwie war das alles diffus, Expert_innen und Nicht-Expert_innen sprangen hin und her. Vielleicht ist die re:publica als Techie/Geek/iPhone-Privilegienbubble mit ihren horrenden Eintrittspreisen auch gerade _nicht_ der Ort, wo sowas überhaupt vernünftig diskutiert werden kann.
Da ich selbst kein Crack auf dem Gebiet “Kritik an der global organisierten kapitalistischen Ausbeutung” bin (wahrscheinlich aufgrund meiner eigenen sozialen Position auch nicht zwangsweise muss), ist für mich ein einfacherer Einstieg in die Thematik die Beschäftigung mit den eigenen Privilegien in diesem Zusammenhang und das Klein-Klein des täglichen Alltagsbullshits. Der oben verlinkte Blog von Kemper bringt schon viel Erhellendes mit sich, auf Straßen aus Zucker, ein linkes Magazin, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet, kann mensch auch viel Interessantes und Erklärbär_innenmäßiges zum Thema finden.
Noch ein weiteres sehr empfehlenswertes Blog ist Class Matters von ClaraRosa. ClaraRosa ist ein_e sogenannte_r Poverty Class Academic, die_der sich viel mit linkem Aktivismus, Wissenshierarchien, Konsumkritik, DIY-Problematiken und Privilegien beschäftigt. Das Tolle an den hier verlinkten Seiten ist der Fakt, dass sie keine wissenschaftliche Lektüre voraussetzen. Also auch das Privileg mitdenken, Zeit und andere Ressourcen aufbringen zu können, sich die dicken Wälzer um Politische Ökonomie und das Kapitalverhältnis reinzuziehen und in der Gänze durchdringen zu können.
Besonders fabelhaft ist das Audiostück, das ClaraRosa zusammen mit Margret Steenblock konzipiert und eingesprochen hat zu Klassismus und Privilegien.
Lookism in herrschaftskritischen Szenekontexten
Leah hat einen wunderbaren Text über Lookismus geschrieben, der auch die Problematik anspricht, wo und wie sich das in queer-/feministischen linken Räumen wiederfindet. Da mein Kommentar länger geworden ist und ich nicht die Diskussion dort vereinnahmen will, habe ich das mal hierher gepackt.
“Danke für den Text, Leah!
Die Erfahrungen aus der Schulzeit kann ich in etwa weitergeben, Sanktionen wegen “nichtweiblicher” Kleidung, Körperbehaarung und Gewicht ohne Ende. Das war auch erst im Studium so halbwegs vorbei, aber auch nur so halbwegs. Es zieht sich eigentlich durch’s gesamte Leben, warum sollten lookistische Normierungsversuche vor queer-/feministischen linken Szenen Halt machen? Sowas wurde uns ja antrainiert und wird im täglichen Leben so gut wie nie in Frage gestellt.
Ich finde auch, dass mensch in der Analyse von Mainstreamgesellschaft und diesen Räumen differenzieren muss, sonst ist mensch schnell bei dem Dogma: “Siehste, die sind genauso scheiße wie alle anderen” und dann ist der Weg frei für Sanktionierung dieser Kontexte, die sowieso kaum diskursives Gegengewicht haben.
Woher diese Fem/me/initätsfeindlichkeit herrührt, hat Laura in ihrem Zine zusammengetragen, ich fand das echt bereichernd zu lesen. Auch in dem Interview, was du verlinkt hast, finden sich Verweise. Aus meinen ersten Jahren als Lesbe habe ich auch oft gehört, dass der “Butch-Style” angeeignet wurde, um nicht mehr als Frau gelesen zu werden auf der Straße, um nicht betroffen von Alltagssexismus zu sein. Ich denke schon, dass hier eine historisch kontextualisierende Perspektive auf feministische/queere/-/feministische Kontexte Sinn macht, also die Frage zu stellen, woher kommt das alles? Wieso hat sich das bis heute fortgeführt?
Dass die Abwertung von Weiblichkeiten einem umgekehrten internalisierten heterosexistischen Blick folgt finde ich genauso wichtig zu adressieren wie die Tatsache, dass solche Kontexte auch überhaupt erstmal den Raum eröffneten für Frauen*, sich von den Weiblichkeitsnormen und Abwertungen des eigenen Genders durch den CisHetero-Mainstream zu emanzipieren. Mit der Öffnung für Trans*personen kamen neue Dynamiken hinzu. Ich finde wichtig, dass das einbezogen und anerkannt wird. Schwierig wird es lediglich da, wo den Normen, die mensch ablehnt, einfach gegenteilige entgegensetzt und etabliert werden. So funktioniert Divide-et-Impera.
Etwas anders erlebe ich den Lookismus in linken Räumen, die sich nicht dezidiert als queer-/feministisch begreifen, dort wo hoher Männerüberschuss herrscht, diese “Antifa-Kontexte”. Verkürzte Konsum- und Kapitalismuskritik trifft dort auf Abwertung von Weiblichkeiten, die als “bürgerlich, stylisch, mainstream” gelesen werden, gleichzeitig herrscht aber ein Mackertum und ein Sexismus vor, teilweise unerträglich. Die Frauen*, die dort verkehren, spielen das Spiel teilweise mit, indem sie sich mackerhaftes Verhalten aneignen, in Kleidung sich den Typen anpassen und Frauen abwerten, die eben nicht den Codes entsprechen. Da fällt schnell mal das Wort “Tussi” und homophobe Sprüche erlebe ich auch en masse, während obendrüber “Antisexismus, Antifaschismus, gegen Homophobie, Antisemitismus, etc etc etc” prangt.
Diese ganze Kackscheiße führt dazu, dass ich mich immer einem Kontext entsprechend kleide, manchmal stelle ich sogar fest, dass ich die Klamotten gar nicht besitze, um mich permanent sanktionsfrei in solchen Räumen bewegen zu können, selbst, wenn ich es wollte. Ich finde es zum Kotzen, dass ich mich selbst regulieren muss, um dort anerkannt sein. Regierungstechniken des Selbst: Lookism wird zu meinem Problem, individualisiert, nicht mehr geschlossen adressierbar – auch weil es nach wie vor nicht common sense ist, Herrschaft in ihrer Verquickung und Komplexität zu kritisieren. Ich frage mich seit geraumer Zeit, warum diese Räume ihre eigenen Ausschlüsse nicht bemerken… Suche noch nach einer Antwort. Vielleicht können wir das mal initiieren. Ich möchte nicht auf die Vorstöße der Femme Mafia, feminine Queers, Trans*frauen und queer Femmes drauf springen, das wäre mir zu viel Aneignung, ich verstehe das nicht so ganz als meinen eigenen Kampf, auch wenn ich mit den Leuten solidarisch bin.
Was meinst du?”
Rückzug ins Private
Disclaimer: Der folgende Post ist unglaublich selbstreferenziell mit ein paar Querverweisen auf Beobachtungen außerhalb der Selbstreferenzialität. Wer nicht auf sowas steht, möge hier bitte aufhören zu lesen.
Oder auch: Warum mir die antifeministische Gesellschaft das öffentliche Twittern abgewöhnt.
Ich habe genug von Post-Privacy. Ich habe nun zwei Twitter-Accounts. Meinen ursprünglichen Account @lantzschi habe ich nun “offizieller” gemacht, alle alten Tweets (immerhin so um die 18.000 in drei Jahren) gelöscht. Zum Glück muss mensch sowas heutzutage nicht mehr händisch erledigen. Über diesen neuen, alten Account @nlantzsch werden nun feministische Infos geshared und Diskussionen geführt, Fragen gestellt und ggf. beantwortet, die lohnen, auf Twitter öffentlich geshared, geführt, gestellt und beantwortet zu werden.
Für den ganzen Privatkram, Rants, Wutfeminismus, NSFW, Kuschelfeminismus, Hasenfußtweets und kontextlose Kontextbenötigentweets gibt es den protected account @lantzschi.
Ich hätte es natürlich auch einfach haben können und meine Tweets auf meinem alten Account protecten können. Warum also dieser Aufwand und der Verlust von 18.000 Tweets? Auf das Letzteres lässt sich schneller antworten: Die Twittersuche ist der pure Hass. Kein Mensch findet dort, wonach er_sie sucht. Google hilft meistens auch nicht. Ich habe auch noch nie in meinen alten Tweets rumgekramt. Ich hänge nicht an meinen Tweets. Ich hänge lediglich an meinen Followern und allen, die sich für Feminismus interessieren.
Und deshalb sehe ich es überhaupt nicht ein, einen Account zu bespielen, der nicht für alle einsehbar ist. Weil mir das wichtig ist, habe ich alte Tweets gelöscht und ne Privatparty nebenan eröffnet.
Es ist ganz schön, Dinge ins Netz zu schreiben und viel gelesen zu werden. Es ist schön Lob, Kritik und Feedback auf die eigene Arbeit zu bekommen. Der zunehmende Bekanntheitsgrad von diversen Feminist_innen im Netz hat allerdings nicht nur schöne Seiten. Es wird unsafe. Ich habe jetzt mindestens 4 Shitstorms, die sich an meiner Person abarbeiteten, miterlebt. Ich bekomme beschissene EMails von Trollen, Mackern und Sexisten, die der Meinung sind, dass mich das interessiert, was sie schreiben. Ich bekomme beschissene Tweets von Trollen, Mackern und Sexisten, die der Meinung sind, dass mich das interessiert, was sie schreiben. Ich werde öffentlich auf “Meinungen über meine Person” hingewiesen, auch von Leuten, die ich schätze und gerne mag und die mir wahrscheinlich nur Hinweise geben wollen. Ich möchte das nicht mehr. Es laugt aus, es verletzt, es lenkt mich von schönen Dingen des Lebens ab.
Ich konnte kaum mehr twittern, ohne lähmende, triggernde oder kackscheiße Diskussionen an der Backe zu haben von Trollen, Mackern, Sexisten (anderen *Ismus bitte hier dazudenken) und Kackscheiße-Kommentierer_innen. Ohne, dass sich Menschen in Diskussionen einschalteten, zu denen sie nicht gefragt wurden, nur um Derailing zu betreiben. Manchmal diskutiert mensch ja Sachen aus auf Twitter. Das geht mit 140 Zeichen mal mehr, mal weniger gut. Sowas passiert dann mehr oder weniger öffentlich, womit ich auch die meiste Zeit gut leben konnte, denn Kommentare unter Blogs sind ja auch z.T. öffentlich. Ich meine hier auch nicht Diskussionen unter Gleichgesinnten, wenn da mehrere Leute zum gleichen Thema Gedanken und Kritik äußern, halte ich das meistens für sehr sinnvoll. Bin immer inspiriert und lerne dazu. Ich rede von Dreck und Angriffen, von: “Ich hake mich jetzt nur ein, um dir meine Uninformiertheit auf’s Auge zu drücken. Ich habe meine Meinung eh schon fertig, finde deine scheiße und das sollst du hiermit wissen. Ich tarne das manchmal mit Erklärbär_inwantedfragen oder Rechtfertigungsforderungen”.
Den “Mein_e zukünftige_r Chef_in googlet mich, OMG!”-Grund kann ich für mich ausschließen, ich habe mich vor Jahren von dieser idealistischen Vorstellung verabschiedet, mensch könne sein Leben im Netz irgendwie privat führen. Alles ist googlebar und was es nicht ist, wird von ominösen Einrichtungen gespeichert und wenn nötig, weitergegeben. Ich finde diesen Fakt scheiße, er sorgt u.a. dafür, dass das Netz nach wie vor eine relativ homogene Suppe ist und Menschen von Repressionen betroffen. Ich kann es mir leisten, relativ öffentlich im Netz aufzutreten, ich werde und muss nie in solchen Branchen tätig sein, wo es heikel werden könnte, wenn Chef_innen und Kolleg_innen (oder andere komische Leute) meine Gedanken lesen oder mal ein Foto finden. Und interessant für den Verfassungsschutz bin ich momentan auch noch nicht.
Wovor ich mich allerdings halbwegs schützen kann, ist die Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung von Privatpersonen. Deshalb mein Zweitaccount, wo sich Gleichgesinnte und Freund_innen einfinden. Mein Eindruck ist: der Ton wird rauer im Netz. Nicht, dass er das nicht schon immer gewesen wäre, doch mit der zunehmenden Einflussnahme von Feminist_innen, die sich auch im Netz rumtreiben, steigt die Gegenwehr. Wenn mensch die vielen Feminist_innen, die halbwegs präsent im Netz rumschwirren, als irgendwie geartete Bewegung, Gemeinde (trotz der vielen inhaltlichen Differenzen) begreift, dann beobachte ich, dass von außen versucht wird, diese zu vereinnahmen. Gemäß dem Motto: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, müssen die “harmloseren” als Erklärbär_innen herhalten (ob sie wollen oder nicht), die radikaleren werden offen angefeindet. Dann kommt das Teile-und-Herrsche-Prinzip hinzu und schwupps richtet sich das dann auch gegen die eigene Peergroup. Das hat immerhin den Vorteil, dass mensch dann weiß, wie es um die Machbarkeit von einigen Allianzen und feministische Solidarität bestellt ist.
Die self defined Maskulisten machen mir keine Angst. Das sind arme Würstchen, deren liebstes Hobby es ist, einen Google Alert auf “Feminismus” zu legen und alles zu dokumentieren und zu kommentieren, was irgendwie damit zusammenhängt. Außerdem keine sonderlich einflussreiche politische Gruppierung, weil sie sehr nah am rechten Rand fischt. Viel gefährlicher (und nerviger) sind all jene, die noch nicht gecheckt haben, dass es sowas wie soziale Ungleichheit gibt und beißreflexartig auf alles raufspringen, was mit Gesellschaftskritik zu tun hat. Oder jene, deren Antifeminismus auch dann noch aus allen Poren trieft, wenn sie sich schon als kritisch begreifen.
Da ich meine Twittertätigkeit nicht als Feminism101 oder für alles und jede_n nachvollziehbar handhaben will und keine Lust mehr habe auf Mansplaining oder das Wissen, dass ich von Leuten gestalked werde, die Feminismus im Netz als Horde/Diskurspolizei/Bedrohung/Interessant, lass uns da mal drüber reden-Grundsatzdebatte begreifen, gibt es ab jetzt Privataudienz für ausgewähltes Publikum. Ich kann nicht verhindern, dass im Netz Kackscheiße durch die Gegend fliegt oder Shitstorms aufziehen von Zeit und Zeit. Ich kann mir aber ein lauschiges Plätzchen einrichten und diese Menschen von Informationen fernhalten, mit denen sie offensichtlich sowieso nichts anfangen können.
Queer-/Feministischer Aktivismus im Netz – Neufassung
Da ich morgen in Potsdam mal wieder einen Workshop zu queer-/feministischem Aktivismus im Netz gebe, habe ich mal den alten Post um hilfreiche Links ergänzt. Wie immer eine unvollständige Liste, die gerne in den Kommentaren dort ergänzt werden kann.
Bitte schaut euch auch in den Linklisten der verlinkten Seiten um, es gibt jede Menge zu entdecken und ich kann nicht alles abbilden.
Da es sehr schwierig ist, den Begriff Queer-/Feminismus so zu umreißen, ohne Ausschlüsse zu produzieren, aber gleichzeitig nicht anderweitigen Aktivismus zu deckeln/vereinnahmen/anzueignen/neulabeln, habe ich mich auf den Schwerpunkt Sex-Gender-Desire (und ein bisschen Körper) begrenzt. Natürlich ist alles intersektional zu betrachten, doch antirassistische Kämpfe (bspw.) sollten in meinen Augen als solche namentlich erkennbar bleiben – u.a. um die Protagonist_innen nicht als Feigenblätter zu handhaben – auch wenn queer-/feministischer Aktivismus mitunter weißseinskritische/antirassistische Ansätze (und andere Widerstandspraxen gegen Unterdrückung) fährt.
Da ich queer-/feministischen Aktivismus im Netz nicht als genuinen Netzaktivismus (mit eigenständigen Themen) begreife, sondern als Queer-/Feminismus mit dem Internet als Medium, dürft ihr gerne auch Links zu Politgruppen, regelmäßigen Aktionstagen, Magazinen, Demos, Wissensarchiven, Podcasts usw. in die Kommentare posten. Wir können gerne eine kleine Sammlung anlegen.
Feministische Partner_innenwahl
Dear non-feminist-identified or pro-feminist people having (a) feminist friend/s or partner/s,
you have the most wonderful person/people on earth on your side. They will always appreciate you, support you, give you advice in tricky situations. They will love you for what you are and most of the time they will not try to put you in a box. They will not criticize you in order to make you a better person or for their own ego but to make a better world with you together.
Feminists are feminists for some or one reason. Feminism is not a issue and not up for debate, it’s a life-altering view on society. It shatters minds, it changes lifes, it moves people, it’s an all or nothing thing. You have to deal with that. Most feminists will not change their minds because you are angry with yourself failing to be _the_ perfect feminist ally and blame it on them.
Listen carefully and try to learn, there’s absolutely nothing you can lose within these relation- or friendships. To ask for loyalty and solidarity in situations you make a fool out of yourself and put your privileged ass over your friends’ or partners’ core values in life is definitely a bad idea.
And no, you are not getting a cookie for showing solidarity and loyalty in situations they ask for.
Feminists are not the enemies, it’s you and your own ego. And your thinking to make your feminist partner/friend a person you are comfortable with.
This is not about you, this is not about them, it’s just about showing respect for the person you love.
Weiße Integrationsverweigerer
Millionen von Weißen Deutschen verweigern die Integration in eine pluralistische Gesellschaft. Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Kluft so groß zwischen jenen, die für eine pluralistische, demokratische und moderne Gesellschaft stehen, und jenen, die sich sehr schwer damit tun, sich an jene Werte anzupassen, die es ALLEN Gruppen erlauben, vollständig an der Gesellschaft zu partizipieren und dabei gleichzeitig ihre verschiedenen Identitäten beibehalten zu können.
Bloggerin des Jahres wählen
Die Mädchenmannschaft ruft wieder auf: Die Bloggerin des Jahres 2011 soll ermittelt werden. Postet eure Vorschläge dort in die Kommentare. Bis zum 31.12. habt ihr Zeit.
Workshop in Potsdam
Nächste Woche Donnerstag gebe ich im Rahmen der Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie an der Uni Potsdam einen Workshop zu feministischem Aktivismus im Netz. (Mir war so, als hatte ich es eigentlich Queer-/Feministisch gelabelt, vielleicht wurde das im Nachhinein entfernt – also so queer, wie es mir möglich ist, wird es auf jeden Fall)
Der Workshop soll allen Teilnehmer_innen einen Überblick über Formen und Inhalte herrschaftskritischer Praxen im Internet geben. Gemeinsam wollen wir erkunden, wie sich queer-/feministischer Widerstand im Netz artikuliert, welche Chancen und Grenzen die vorgestellten Konzepte haben. Gleichzeitig bietet der Workshop die Möglichkeit, Tools kennen zu lernen, um an den vorgestellten Politikformen zu partizipieren: egal, ob selbst produzierend, still konsumierend oder nach Impulsen für eigene Politikformen außerhalb des Internets suchend. Der Workshop richtet sich an alle mit grundsätzlichem Interesse, ein bestimmter Wissensstand wird nicht vorausgesetzt.
Weiter im Programm. Event für Facebook-Freund_innen.
Malestream und queer-/feministischer Aktivismus – Vortrag in Gießen
Gestern habe ich im Rahmen der queeren Ringvorlesung in Gießen einen Vortrag gehalten, der ebenfalls gefilmt wurde. Das Video ist noch nicht online, daher gibt es zunächst erstmal nur meine Präsentation zum Anschauen und Download.
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Aktion Libero – Fast an die Wurzel
Mit Interesse verfolge ich die erstmal sehr lobenswerte Aktion Libero, an denen viele viele Blogs teilnehmen, um sich gegen Homophobie im Fußball auszusprechen.
Schaue ich mir die Seite genauer ein, stoßen mir viele Dinge auf:
- UnterstützerInnen: Theo Zwanziger, der sich nach wie vor schützend vor die homophoben Ausfälle der DFB-Elf (samt Trainer und Management stellt) und es SpielerInnen rät, sich nicht zu outen. Maria Furthwängler, die wesentlichen Anteil an einer homophoben Tatortfolge hatte (wurde mir zu getragen – schaue Tatort nie), Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die seit Jahren völlig untätig ist. Nicht gerade Vorzeigefiguren. Positiv hervorzuheben ist die Arbeit von Tanja Walther-Ahrens.
- Unterscheidung zwische Fußball und Frauenfußball. Erstmal geht es um schwule Männer. In der linken Spalte darf mensch sich dann auch mit Lesben auseinander setzen. Wer jetzt kommt mit, aber Fußball wird doch viel häufiger von Männern gespielt oder Frauenfußball sei was anderes, gibt sich mit dem sexistischen Normalzustand im Fußball zufrieden und hinterfragt keine Ursachen. Sagen wir so, für Lesben gelten im Fußball andere Umstände als für Schwule, ich hatte da mal was drüber gepinselt, aber die Ursachen sind die gleichen.
- Thema Toleranz. Natürlich ist es wichtig, auf Probleme hinzuweisen. Und Homophobie ist neben Rassismus und Sexismus im Fußball ein wirklich sehr großes (und nicht nur da). Homophobie gehört der Kampf angesagt, doch ich glaube und weiß auch aus eigener Erfahrung, dass es wenig bringt, Toleranz einzufordern. Das hat schnell zur Folge, dass mensch das Andere zwar neben sich akzeptiert, es aber immernoch als anders betrachtet. Schnell gesellen sich auch vermeintliche Denkverbote hinzu. “Jetzt darf ich schwul nicht mehr als Schimpfwort benutzen”, ohne zu wissen, warum das Wort “schwul” außerhalb der Benutzung als Selbstbezeichnung problematisch ist. Oder das Ding von “Ich hab ja nichts gegen Homos, aber…”, “Ist zwar jetzt schwulenfeindlich, aber ich find’s witzig, denn ich hab ja nichts gegen Schwule”.
Auf der Seite von Aktion Libero wird zwar gesagt, Sexualität darf keine Rolle spielen, doch das tut es. Auch mit Toleranz. Wenn ich auf Twitter Sprüche lese wie: “Es interessiert mich nicht, mit wem du vögelst, solange du gut kickst”, wird eines deutlich: Solange du die Leistung bringst, die ich von dir erwarte, darfst du dir meiner Homofreundlichkeit gewiss sein. Vielen Dank für das paternalistische Zugeständnis. Neben der sehr problematischen Verknüpfung mit Leistungsprinzipien, die eben auch genau im Fußball eine sehr schmerzliche Erfahrung für alle darstellt, die aus verschiedenen Gründen nicht die Spielleistung zeigen können und dann als Mutti, Weichling oder Schwuchtel gelten, finde ich merkwürdig, dass gar nicht an der Norm gekratzt wird: Heterosexualität und bestimmte Männlichkeitsvorstellungen.
Eine sehr gewichtige Ursache von Homophobie ist nämlich, dass diese beiden Dinge als Norm gesetzt werden, von der aus das Abweichende konstruiert und herabgesetzt wird. Wer schwul ist, gilt als unmännlich, wer nicht bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit (Kraft, Stärke, Ausdauer, Härte, etc.) erfüllt, gilt als schwul. Schwul = scheiße. Toleranz einzufordern bedeutet nicht, diesen Vorgang sichtbar und kritisierbar zu machen. Es gibt Stimmen, die sagen, das sei überfordernd. Neben der klassistischen Implikation hinter dieser Aussage, nämlich Fußballfans und -spielerInnen als dumm und proletarisch hinzustellen, die angeblich nicht im Stande seien, diese eigentlich sehr einfach funktionierende Konstruktionsarbeit zu erkennen und deshalb lieber mit Toleranzforderungen zu konfrontieren, verkennt auch, dass sich Homophobie durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht. Auch durch jene, in der sich reiche Supermacker wie Zwanziger aufhalten oder das sogenannte Bildungsbürgertum.
Dann gibt es Stimmen, die sagen, Toleranzforderungen seien der erste Schritt, dann könne mensch auch das andere ansprechen. Sehe ich anders. Denn: Wie oft denn bitte noch? Seit wievielen Jahrzehnten gibt es Forderungen nach mehr Toleranz? Wie viel hat sich seitdem verbessert? Nicht viel. Zu sagen: Du musst tolerant sein und darfst deswegen “schwul” nicht mehr als Schimpfwort verwenden, ändert nichts im Denken der Menschen, dass schwule Fußballer eben eine Abweichung darstellen, bei der ich mir als Hete aussuchen kann, ob ich das toleriere oder nicht (bei entsprechender Leistung wohlgemerkt).
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Was könnte mensch also tun? Verwirrung stiften. Indem da nicht steht auf dem Eingangsfoto: Schwul/lesbisch, rund und grün, sondern hetero, rund und grün. Und dann die Leutchens mit ihrer Verwirrung abholen: “Sie dachten, hier ginge es eigentlich um Homos? Wieso eigentlich?” usw.
Noch am Rande: Die teilnehmenden Blogs finden für sich Themen, wie sie mit der Aktion Libero umgehen, die Aktionsseite selbst, bleibt in der oft wiederholten Regenbogen-Toleranz-Ecke stehen, die nebenbei auch mal wieder Frauen* unsichtbar macht. Schade eigentlich.
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edit: gerade las ich noch eine andere Kritik an der Aktion, die auf das Symbol eingeht. Ich zitiere hier mal frech eine Konversation zwischen @tutnurso und @Voegelchen >> “schonmal auf das symbol von @AktionLibero geachtet? bildsprache = voll daneben. vermittelt “schwul”, sei das “schwarz” auf dem rasen. #fail” – “oder das schwarze Schaf auf der Wiese…” – “anscheinend keine sensibilität für rassistisch aufgeladene symbolik. ein pinker punkt, hätte es doch auch getan…” – “…und dann wäre trotzdem noch was zum thema weiß-sein als unhinterfragte kategorie anzumerken. grmpf.”
