Feministische Einzelkämpferinnen Gruppen

Rassismusreflexion unter Feministinnen im 20. Jahrhundert

Nach dem ju_fem_netz-Treffen - auf welchem Critical Whiteness, Neoliberalismus und Heteronormativität Themen waren - sagte eine Teilnehmerin zu mir, dass sie die Diskussionen bereits aus den Anfängen ihres "Dabeiseins" in feministischen Zusammenhängen in den 80ern kennt.

Zwei Täge später stolperte ich in der Frauenbibliothek über die Einleitung des Programmhefts "18. bundesweiter Kongress von Frauen in Naturwissenschaft und Technik". Lest selbst:

(Ich habe es ohne Genehmigung abgetippt. Leider fehlen mir Daten, um nachzufragen. Wer also dabei war und über die Genehmigung entscheiden kann, bitte melden!)

18. bundesweiter Kongress von Frauen in Naturwissenschaft und Technik in Bremen

28.-31.5.'92

Einleitung

 

liebe Lesben und Nichtlesben

Jetzt haltet ihr endlich euer tolles Programm in den Händen!! Wir haben uns sehr gefreut, daß die Resonanz auf unseren Panikbrief so gut war. Nun haben wir 80 phantastische Veranstaltungen!!!!

An dieser Stelle kurz etwas zu uns und zu den neuen Schwerpunktthemen:

Lesben – Rassismus:

Wir Feministinnen der Vorbereitungsgruppe unterscheiden uns auch dadurch voneinander, wie wir unser Frausein in dieser Gesellschaft leben. D.h. zum Beispiel ob wir uns als Lesben oder Heteras in den männerdominierten Studienfächern oder Berufsgruppen bewegen.
Wie ihr schon gemerkt habt, haben wir ein neues Wort benutzt: lesbenundanderefrauen. Außerdem haben wir uns Feministinnen oder Lesben/Frauen genannt. Dieses Experimentieren mit neuen Begriffen ist Ergebnis einer engagierten Diskussion in der Gruppe. Anfänglich war es weder für einige Heteras noch für einige Lesben selbstverständlich, daß Lesben explizit benannt werden.
Die Erkenntnis, daß mit „Frauen“ die weiße, heterosexuelle, christliche und gesunde Mittelstandsfrau gemeint ist, brachte uns dazu, provokativ eine Wortschöpfung zu benutzen, die exemplarisch ausgegrenzte Gruppen benennt. In unserer Selbstdarstellung haben wir deshalb neben lesbenundanderefrauen auch die Begriffe behinderteundanderefrauen und schwarzeundanderefrauen verwendet.

Rassismus wurde wie fast überall auch in unserer Gruppe erst zu dem Zeitpunkt diskutiert, als die MigrantInnenheime brannten, und Schwarze auf den Straßen der neuen Bundesrepublik angegriffen und getötet wurden. Aus diesen Diskussionen ergab sich für uns die Notwendigkeit Rassismus erstmalig in den Kongreß zu integrieren, gerade auch weil wir die Gefahr sehen, daß die beiden Unterdrückungsmechanismen Sexismus und Rassismus gegeneinander ausgespielt werden sollen.

Vorläufig haben wir für uns folgendes festgehalten:

Die Konfrontation mit Rassismus zeigte uns Weißen in der Gruppe unsere priviligierte Stellung in diesem patriarchalen System auf und stellt unsere Identität als weiße Feministinnen in Frage. Sie brachte eigene rassistische Gedanken zu Tage und machte die Angst vor der anderen/dem anderen deutlich. Sie weckte Schuldgefühlte und das Bedürfnis, darauf hinzuweisen, daß doch auch wir ins diesen patriarchalischen, hierarchischen Strukturen unterdrückt sind, d.h. Opfer sind. Doch beim Hinterfragen des eigenen Umgangs mit Schwarzen und Frauen anderer kultureller Herkunft als der eurozentrischen, stellten wir fest, das auch wir Täterinnen sind.

Als Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen haben wir in unserer wissenschaftsgläubigen Gesellschaft eine Machtposition. Aus unseren Wissenschaften kamen und kommen immer wieder Argumente, die die systematische rassistische und antisemitische Verfolgung und Vernichtung von Menschen legitimieren soll(t)en.
Wir finden es notwendig, daß die in den Naturwissenschaften immanenten rassistischen Inhalte untersucht und aufgedeckt werden, genauso wie wir die sexistischen Inhalte der Naturwissenschaften untersucht haben und untersuchen.
Unsere Anfänge der Auseinandersetzung mit Anitsemitismus und Rassismus haben uns motiviert, über unseren weißen Tellerrand zu schauen.
Wir freuen uns, wenn auch viele andere behinderteundanderefrauen mit uns am Freitag auf dem Rassismusplenum diskutieren. Freitag ist also der Tag, auf den wir den Rassismusschwerpunkt legen. Die Lesbenveranstaltungen (und andere Schwerpunktveranstaltungen) haben wir versucht so zu legen, daß sich möglichst wenige Veranstaltungen überschneiden.

Eure Vorbereitungsgruppe

(Absätze und Hervorhebungen wie im Printtext. Rechtschreibfehler wurde übernommen und hoffentlich keine weiteren hinzugetippt)

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Hi Steffi, Rassismus war ein großes Thema bei Audre Lorde und ist dokumentiert in dem Film *Audre Lorde - the Berlin Years 1984 to 1992*. Ihr Ansatz war intersektionell (was damals noch kein gebräuchlicher Ausdruck war) und mehrdimensional (was es schon gab :-))
Audre Lorde - ich bin weit davon entfernt, in ihr die Heilige zu sehen, zu der sie für Teile der lesbisch-feministischen Bewegungen wurde, insbesondere nach ihrem Tod. Die Diskurse über Rassismus allgemein bei Lesben und bei Schwulen, Homophobie bei Schwarzen, Weißen und allen anderen, Mysogynie bei Frauen und Nichtfrauen ... die gehen auch auf die Impulse von Audre Lorde zurück.
Bei Orlanda ist dann auch das Buch von Ika Hügel-Marshall erschienen, in dem sie, ein "Besatzungskind" mit allerlei Rassismen aufräumt. Wer dir zu diesen Diskursen sicherlich einiges erzählen könnte, ist Käthe Fleckenstein aus Frankfurt - wenn Käthe danach ist, jedenfalls.
Viele Grüße - agnes

 
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Hallo Agnes,

ja, dass die Auseinandersetzung schon länger läuft, war mir vorher klar. Allerdings habe ich mich mit der genauen Geschichte noch nicht beschäftigt.

Danke für die Tipps. 

 

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