Feministische Einzelkämpferinnen Gruppen

Wie man nicht feministisch wirkt...

In meinem letzten Blogeintrag habe ich bereits erwähnt, dass die Passantinnen-Kommentare einer Analyse wert wären. Dem komme ich jetzt nach, denn wenn ich schonmal darüber nachdenke, kann ich auch mitschreiben. Mehr ist's aber auch nicht.

Vorbemerkungen

Ich werde die Namen der Kommentatorinnen nicht nennen - einerseits weil ich vermute, dass diese damit nicht unbedingt googlebar sein möchten und andererseits weil es mir nicht um die einzelnen Frauen geht, sondern nur um das Gesagte. Sollte einer der Kommentatorinnen dies hier lesen und möchte gerne in Bezug zu ihrem Kommentar genannt werden (Urheber_innenschaft), hole ich das gerne nach.
Ebenso bin ich mir dessen bewusst, dass die Kommentare vermutlich gekürzt wurden und wahrscheinlich teilweise auch (leicht) umformuliert wurden.

Auf welche Frage die Passantinnen antworten, weiß ich nicht. Vermutlich wurde ihnen auch nicht immer haargenau die selbe Frage gestellt. Da es aber auch nicht um die jeweilige Passantin geht, unterstelle ich jetzt schlicht, dass es in etwa eine derartige Frage war: "Fühlen Sie sich von Mario Barths Sprüchen diskriminiert?"

Analyseversuch

Das - zumindest in Deutschland - Feministin sein, nicht positiv besetzt ist und somit auch nur verdächtigt zu werden Feministin zu sein nicht gerade positive Konsequenzen hat, stelle ich hier mal voran.
Für eine Idee davon, was mit anderen Verknüpfungen zu Feminismus und Gleichberechtigung/Gleichstellung möglich ist, empfehle ich die Diskussion um die Hochzeit von Kronprinzessin Victoria (letzter Absatz nach dem Link).

Kommentar 1:
"Ich fühle micht nicht diskriminiert. Man muss nicht immer alles ernst nehmen, was im Fernsehen läuft."

Sich diskriminiert fühlen ist nicht schön. Das macht den Satz "Ich fühle mich nicht diskriminiert" nicht weniger wahr, doch muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht faktisch trotzdem so ist. Ich kann mich nicht diskriminiert fühlen, auch wenn ich es trotzdem werde.

Eine der schlimmsten Effekte von Feminismus ist, dass einer_m mehr auffällt, jede Menge Reflektionsarbeit ansteht und das dies nur selten Spaß macht. Es ist keineswegs 'ne coole Sache, andauernd zu bemerken, dass irgendwo schon wieder Frauen benachteiligt, bevormundet, sexualisiert und/oder schlecht behandelt werden. Somit kann "sich nicht diskriminiert fühlen" auch eine Schutzreaktion sein, auch weil eine_r sich dadurch in eine "Opfersituation" begibt.

Der zweite Teil der 1. Kommentars "Man muss nicht immer alles ernst nehmen, was im Fernsehen läuft" bringt mein Hirn auf ziemlich direktem Weg zu Moff's Law. Moff's Law bezieht sich eigentlich auf eine häufig geäußerten Diskussionsbeitrag, wenn Filme diskutiert und analysiert werden: "“Why can’t you just watch the movie for what it is??? Why can’t you just enjoy it? Why do you have to analyze it???”" ("Warum kannst Du den Film nicht einfach als das nehmen, war er darstellt??? Warum kannst du damit nicht einfach nur Spaß haben? Warum musst Du ihn analysieren???").
Diese Art der Kommentare werden auf manchen Blogs ausgeschlossen, aufgrund von Moff's Law.
Kurz gefasst besagt Moff's Law, dass, wenn die so kommentierende Person den Film nicht diskutieren will, es auch nicht tun soll und somit der Kommentar Quatsch ist.

Derailingfordummies.com gibt es weiteres Beispiel, für krude Argumente: "It's only the internet". Dieses krude Argument funktioniert genauso mit Fernsehen. Besonders spannend ist die Passage: "If you take anything on "the Internet" to heart, you're taking it "too seriously" ("Wenn Du dir irgendwas aus dem Internet zu Herzen nimmst, nimmst Du es zu ernst").
Derailingfordummies.com funktioniert wie ein Best-Of von argumentativen Entgleisungen, vor allem in Bezug auf Diskriminierung.

Ich denke diese beiden Beispiel für Kritik an Argumentationen genügen, um einen Einblick darin zu schaffen, dass es einerseits nicht unüblich ist, komische Argumente zu äußern/zu hören und das aber auch ohne die Beschäftigung damit, warum diese "komisch" sind, Schlußfolgerungen aus diesen gezogen werden. Wie eben zum Beispiel, dass eine_r nicht alles ernst nehmen muss, was im Fernsehen kommt.

Warum eigentlich nicht und was ist falsch daran, etwas ernst zu nehmen? Wonach beurteile ich, was ich ernst nehmen muss und was nicht?

Kommentar 2:
"Ich habe Mario Barth schon live gesehen. Oft stimmt es eben einfach, was er über Frauen sagt."

Zunächst nochmal: Ich muss mich nicht diskriminiert fühlen, um diskriminiert zu werden. Weiterhin: Diskriminierungen lustig zu finden, ist auch kein neues Phänomen - z.B. die rassistische Inzenierung des Nachbarn bei "Breakfast with Tiffany".

Ein paar mehr Worte möchte ich trotzdem über "Oft stimmt es eben einfach, was er über Frauen sagt." verlieren. Derailingfordummies führt dazu das "But it's true"-Beispiel auf.
Das Argument besagt, dass etwas, was als diskriminierend benannt wird, nicht diskriminierend sei, sondern wahr. Da es natürlich gerade deswegen für diskriminierend gehalten wird, weil Menschen glauben, dass "es" wahr ist, beginnt sich mit der Äußerung dieses Arguments jede Diskussion im Kreis zu drehen.

Warum aber glauben Menschen, dass irgendeine Äußerung über ein meist physisches Differenzierungsmerkmal (Geschlecht, Hautfarbe etc.) wahr ist? Offensichtlich ist natürlich, dass das Vorurteil so oft geäußert und nicht bestritten wurde, dass es für genauso wahr genommen wird, wie 1+1=2. Hinzu kommt noch, dass es immer Menschen gibt, die tatsächlich dem Vorurteil entsprechen. Wenn ich zum Beispiel sage "Frauen haben lange Haare" kann ich unglaublich viele Belegexemplare anführen.
Bleiben wir bei dem Haarbeispielen. Umfangreich belegt ist, wenn ich Menschen aufgrund eines Merkmals (also Geschlecht, Hautfarbe, etc.) immer wieder sage, dass sie so und so sind, werden sie es auch. Wenn sich also die These hartnäckig hält, dass lange Haare vor allem was für Frauen sind, dann werden mehr Frauen lange Haare haben. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Mathematik-Fähigkeit.

Äußerungen wie "es stimmt, was er über Frauen sagt" reproduzieren also das Besagte. Das macht diesen Kommentar für viele, mit welchen ich gesprochen habe, so schlimm. Gleichzeitig macht es den Kommentar so verständlich - wie es zu solchen Einschätzungen kommt, liegt am selben System.

Kommentar 3:
"Früher fand ich Barth lustig, heute nicht mehr. Er wird einfach verletzender, das ist nicht akzeptabel."

Jap. Aber was daran ist verletzender? Worauf läuft's hinaus? Genau.

Kommentar 4:
"Sein Humor gefällt mir nicht, aber diskriminiert fühle ich mich nicht. Da muss man drüber stehen."

... und nochmal, weil's so schön ist: Ich muss mich nicht diskriminiert fühlen, um diskriminiert zu werden.

Aber auf zum neuen Punkt: "Da muss man drüber stehen." Ich schätze, so gut wie alle Argumente nach Derailingfordummies.com, führen zu einer "Da muss man drüber stehen." Einstellung, wenn diese Argumente nicht hinterfragt werden. Zum Beispiel: "You're being hostile" und "You're being overemotional".

Zumindest ich durchlaufe das Gefühl "Da steh' ich heute mal drüber" ca. ein Dutzend mal am Tag und vermutlich viele andere Menschen auch. Das Gefühl zu haben und auch zu leben ist eines der schwierigsten Unterfangen, denn Unrecht zu sehen und dagegen nicht zu unternehmen, fühlt sich Scheiße an. Unrecht zu erfahren ist ebenso beschissen. Was zu unternehmen wird auch nicht belohnt...
Unrecht führt zu einer "No-Win"-Situation. Wenn ich nicht reagiere, toleriere ich das Unrecht an mir und/oder anderen = moralisch nicht gut. Wenn ich nicht reagiere und es betrifft mich, bleibe ich in einem Opferstatus hängen = nicht gut für's Selbstwertgefühl. Wenn ich reagiere, wird's mir nicht gedankt und wahrscheinlich sogar in irgendeiner Form bestraft (z.B. durch sozialen Ausschluss) = gar nicht gut. Kein Spaß.

"Da muss man drüber stehen" ist ein Wink mit dem Zaun, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, wenn's um Diskriminierung geht. Warum sollten wir wollen, dass irgendjemand über etwas drüber stehen (muss)?

Kommentar 5:
"Ich fühle mich nicht angegriffen. Inzwischen nervt Barth aber, weil es nur noch um seine Freundin geht."

Über diesen Kommentar lässt sich viel spekulieren. Einer der Deutungen ist z.B., dass sich die so kommentierende Person, in den Beschreibungen der Freundin keinesfalls sich oder andere wieder findet und somit den Witz daran nicht verstehen kann. Würde mich für sie und ihr Umfeld freuen.

 

Dieser Text darf nur nach Zustimmung anderswo verwendet werden, auch in Teilen. Ich würde mich auf Diskussionsbeiträge per E-Mail freuen, jedoch veröffentliche ich nicht alles.
Ebenso wird dieser Text sicherlich noch korrigiert, vor allem bezüglich Rechtschreibfehlern, Ergänzungen und kruden Formulierungen.

Erzähl's weiter!

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