Feedback/Kritik Teil 1
Meine politische Gremienarbeit feiert dieses Jahr 10-jähriges Jubiläum. Meine Erfahrungswelt ist dadurch so eingeschränkt, dass ich mir bis zum Gendercamp 2011 nicht vorstellen konnte, dass die weitgehende Reflexion über Organisationsstrukturen von feministischen und linken Gremien nicht alle erreicht haben. Doch liegt für mich aktuell der Schluss nahe: Ich kann auf einem Event zu „Feminismus, Queer, Netzkultur“ sein, ohne dass dort ein Verhältnis zu feministischen Organisationsstrukturen besteht.
Ich wähle den Begriff „Verhältnis“ bewusst. Es geht nicht darum, dass jedes feministische Event die gleichen Regeln, Verfahrensweisen usw. benutzt, sondern ob es in Beziehung zur Erfahrung anderer feministischer Gremien steht.
Ich habe gelernt, dass es keinen machtfreien Raum gibt, sondern es eine Frage der Verteilung ist. Um die Macht einer sich zusammenfindenden Gruppe zu verteilen, gibt es viele Möglichkeiten. Beliebter Streitpunkt ist z.B. Mehrheitsentscheidungen vs. Konsensverfahren. Jede Machtverteilung hat negative Konsequenzen. Um diese ansatzweise auszugleichen ist es notwendig sich der Machtverteilung und deren Konsequenzen bewusst zu sein und damit umzugehen. Fehlendes Bewusstsein führt zu Ausschlussmechanismen.
Ein Beispiel: Die FEG Mainz hat noch nie über etwas abgestimmt. Entscheidungen werden „mit den Füßen“ getroffen: Wer etwas will, muss für die Umsetzung sorgen. Somit bedeutet mehr Zeit auch mehr Einfluss, mehr Sprachkompetenz mehr Überzeugungskraft und mehr Verantwortung mehr Umsetzungsmacht. Welche dabei untergehen, sagt die Struktur, z.B.: Konfliktscheue Einzelkämpferinnen werden kaum Möglichkeit haben, ihre Bedenken einzubringen. Damit liegt es in der Verantwortung aller, die Mitstreiterinnen „im Auge zu behalten“ und, je nach Charakter der Jeweiligen, Kontakt zu suchen, um mögliches Unbehagen aus der Welt schaffen zu können. Es geht darum, den Raum offen zu halten, auch entgegen der Organisationsstruktur. Umso weniger offen, desto mehr Ausschlussmechanismen: Menschen werden sich „unwohl fühlen“ und vermutlich wegbleiben. Ich empfinde es schon als großes Glück, wenn Menschen anstatt wegzubleiben anfangen Terror zu machen - die Lauten höre ich schlicht leichter.
Einen Raum möglichst offen zu halten geht mit einem krassen Arbeitsvolumen einher. Menschen zu integrieren, ist Aufgabe aller am Raum beteiligten und vor allem derer, die von der Machtverteilung profitieren. Umso mehr Macht eine Person durch die Struktur erhält, desto höher das Arbeitsvolumen für die „Offenheit des Raums“.
Machtverteilung des Gendercamps 2011
Auf dem Gendercamp 2011 fehlte das Bewusstsein für die Machtverteilung meines Erachtens und damit auch die Möglichkeit, die negativen Konsequenzen im Blick zu halten. Vier Faktoren waren wohl für die Machtverteilung verantwortlich: Zeit, Kompetenz, Ego und Status.
Zeit
Das Orgateam rekrutierte sich vor allem aus Menschen, die für die Organisation Zeit aufbringen konnten (andere Faktoren, wie Geld, räumliche Nähe usw. werden hier bei Seite gelassen). Es verstand sich – entsprechend des Konzepts eines Barcamps – vor allem als zuständig für Essen und Räume, fungierte jedoch in den Plenen auch als Moderation. Resultierend aus dieser Präsenz des Orgateams waren sie vermutlich auch Ansprechpartner_innen für Anregungen, Probleme etc.
Allein aus der Moderationstätigkeit folgt ein verhältnismäßig großer Machtanteil: Die Moderation bestimmt über das Entscheidungsprozedere, ist meist visueller Hauptadressat bei Redebeiträgen, bestimmt was, wann und wie diskutiert wird – Letzteres auch dann, wenn scheinbar alles zugelassen wird. Denn dann wurde entschieden, dass alles zugelassen wird.
Kompetenz & Ego
In den Plenen des Gendercamps wurden keine Gruppenentscheidungen getroffen. Wenn Vorschläge aus dem Plenum in die Gesamtstruktur aufgenommen wurde, war dies vor allem in der Macht des Orgateams. Hat das Orgateam beschlossen, einen Vorschlag umzusetzen, wurde es gemacht (z.B. die Einführung eine „Feedback- und Problembriefkastens“).
Ansonsten fielen Entscheidungen ausschließlich auf thematischer/personaler Ebene: Fand sich eine Person, die sich zutraute, dass angesprochene Thema in einer Session anzubieten oder umzusetzen, wurde es durch die Person gemacht. Damit brauchten die Themen sowohl Personen die sich kompetent genug fühlten als auch ein Ego, dass dieses „in den Vordergrund spielen“ zulässt.
Die Delegation von Umsetzung und Thematisierung an die Sessions führte damit zu der absurden Situation, dass wenn eine_r z.B. Redelisten als notwendig für eine für diese Person gelungene Session brauchte, alle zu besuchenden Session selbst anbieten müsste, um für die Umsetzung zu sorgen. Weiterhin hatten die Sessions keine Ausschussfunktion: Die Thematisierung von Gendercampstrukturproblemen als Session hatte keine kommunizierte Rückkopplung ans Gendercamp – außer vllt. die Hoffnung, dass nächste Orgateam würde evtl. Verfahrensvorschläge für das nächste Gendercamp aufnehmen.
Status
Das Orgateam ist ein leicht nachvollziehbares Beispiel für die Macht durch den Status von Personen – eben Teil des Orgateams zu sein. Ebenso dürften Verfahrensvorschläge eher im Gendercamp umgesetzt werden, wenn sie von Personen geäußert werden, die sich im engen sozialen Umfeld der Organisator_innen bewegen. Ebenso förderlich war z.B. Angestellte_r im Tagungszentrum zu sein, da damit auch eine finanzielle Macht verbunden war.
Diese Machtverteilungsfaktoren sind meines Erachtens nicht besser oder schlechter als andere. Wichtig ist, sich deren bewusst zu sein. Da z.B. das Orgateam sich nicht als mächtig verstand, konnte es auch nicht auf die negativen Konsequenzen reagieren. Da sie nicht reflektieren, dass sie in der Moderationsposition der Plena waren, konnten sie mit dieser Position nicht umgehen. Da sich z.B. die meisten/alle der von der Machtverteilungsstruktur Profitierenden nicht als solche verstanden, wurde sich für die Stillen, Laut-aggressiven, Rückzieher_innen nicht verantwortlich gefühlt, nicht nachgefragt, nicht integriert.
Dadurch gab es einige Menschen auf dem Gendercamp, die Ausschlussmechanismen ausgesetzt waren, was vermutlich nicht gewollt war. Fragen die sich zumindest das nächste Orgateams des Gendercamps stellen sollte: Warum haben einige Teilnehmer_innen keine Sessions angeboten? Warum haben Einige die Plena nicht besucht/sind früher gegangen? Warum haben Einige kaum etwas gesagt? War der Raum Gendercamp wirklich so offen wie möglich/gewollt?
Zum Weiterlesen:
Kommentare werden hier vereinzelt ermöglicht. Die Diskussion wird im Forum des Gendercamps stattfinden.

Hi,
du stellst einige interessante Fragen und hast gute Gedanken. Aber was für mich selbst noch viel besser wäre, sind Lösungen.
Hast du selbst denn Ideen, wie man es hätte besser machen können? Lösungsvorschläge, wie es im nächsten Jahr besser wird?