Vom 28.-29. August 2010 fand das erste, bundeweite Netzwerktreffen junger Feministinnen aus der Mädchenarbeit in Marburg statt. Über 30 Frauen aus vielfältigen Zusammenhängen aus ganz Deutschland folgten dem Ruf nach Vernetzung und Austausch.
Unterstützt wurde das bundesweite Netzwerktreffen durch die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik Hessen e.V., der filia Frauenstiftung sowie dem Institut für Genderstudies und feministische Zukunftsforschung der Philipps Universität Marburg. Dementsprechend durfte sich die Veranstaltung über Grußworte von Gundula Ludwigg - Zentrum für Genderstudies und feministische Zukunftsforschung der Universität Marburg - sowie von Angela Schmidt – Vorstandsfrau der LAG Mädchenpolitik in Hessen e.V. - freuen.
Bereits die Grußworte verdeutlichten die Besonderheit und Notwendigkeit des Netzwerktreffens und untermalten den innovativen Charakter. „Im Kontext einer sich verändernden Gesellschaft steht der Feminismus vor neuen Herausforderungen. Dabei verlangen subtilere Diskriminierungen sowie Individualisierung neue politische Strategien und Alternativen. Vor allem bedingt es aber, die Sichtbarmachung feministischer Themen und die Möglichkeit kollektiver Artikulationsprozesse“, so Gundula Ludwigg.
Grundidee: Widerstand gegen neoliberale Individualisierung
Der Grundstein für die Idee wurde im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik e.V. im Dezember letzen Jahres in Berlin gelegt. „Wir waren uns einig, dass es Zeit ist aus der Einsamkeit und dem Gefühl der Einzelkämpferin heraus zu kommen und erfreuten uns an der Idee und Notwendigkeit politischer und persönlicher Netzwerke. Auch als Ausdruck der Notwendigkeit einer neuen, lebendigen und feministischen Solidarität!“, so die Mitveranstalterin Linda Kagerbauer. Seitdem wurde in einem basisdemokratischen Verfahren ein Programm entwickelt, das sowohl der Lust nach Vernetzung als auch dem inhaltlichen Interesse gerecht werden sollte. Dabei wurde bewusst auf Referent_innen verzichtet, sondern die Gruppe selbst als Ressource verstanden.
Das Netzwerktreffen sowie das demokratische Verständnis hatte und hat dabei symbolischen Wert: Die Eroberung von Diskussions- und Denkräumen stellt gerade in neoliberalen Zeiten, die in den einzelnen mädchenspezifischen Projekten vor Ort wenig Zeit zum gemeinsamen Denken und Diskutieren lassen, ein Politikum dar. „Entgegen neoliberaler Leistungs- und Effizienzprinzipien wollen wir damit einen politischen Ort besetzen, der die Möglichkeit kollektiver Denkprozesse eröffnet. Dabei gehen wir aktiv in den Widerstand gegen neoliberale Individualisierung und Vereinzelung“, so Linda Kagerbauer.
Repolitisierung der Mädchenarbeit
Dementsprechend ermöglichte das Netzwerktreffen durch die interaktive und partizipative Form eigene Themen und Interessen zu diskutieren und zu politisieren. So wurde am Samstagnachmittag über Dekonstruktion, Gleichheit und Differenz diskutiert, die Geschichte feministischer Mädchenarbeit beleuchtet, Mädchenbilder in den Medien kritisch reflektiert und der Generationenkonflikt diskutiert.
Diese Diskussionen über (neue) Selbstverständnisse, herrschafts- und patriarchatskritische Perspektiven, queerfeministische Impulse, praktische Methoden oder historische Perspektiven ermöglichten den Teilnehmerinnen spannende und richtungsweisende Diskussionen, die am Abend in geselliger Runde im Bettenhaus in Marburg fortgesetzt wurden.
Dabei waren die zentralen Fragen: Wie lassen sich Theorie, Praxis und Politik in der Mädchenarbeit verknüpfen und unterschiedliche Selbstverständnisse zusammen denken? Welche gemeinsamen, politischen Perspektiven ergeben sich aus unterschiedlichen Selbstverständnissen? Wie lassen sich queerfeministische Thesen mit der praktischen Mädchenarbeit verbinden? Wie kann eine Mädchenarbeit funktionieren, die eigentlich jegliche Kategorien abbauen möchte? Wie kann die Wirksamkeit und Bedeutung dieser Kategorien trotzdem Anerkennung finden? Und wie lassen sich diese Diskussionen in den pädagogischen Alltag übersetzen?
In einem diskussionsfreudigen Klima stand somit die Reaktivierung einer Vernetzungskultur als eine Antwort auf diese Fragen und aktiver Beitrag zu einer Repolitisierung feministischer Mädchenarbeit im Fokus der Auseinandersetzungen. Denn zur Beantwortung dieser Fragen braucht es Zeit, Distanz und Räume, die es ermöglichen, unterschiedliche theoretische Perspektiven als Analyseinstrumente zu verstehen, welche die stetige Wirksamkeit verschiedener, machtvoller Kategorien wahrnehmen, um sie gleichzeitig in einem herrschenden, heteronormativen und binären System zu verorten.
„Feminismus darf nicht länger ein Fremdwort sein“
Somit stehen weniger „die Mädchen“ im Mittelpunkt, als vielmehr gesellschaftliche Verhältnisse und Strukturen, in denen Mädchenarbeit passiert. Hier waren sich die Teilnehmerinnen einig, dass eine feministische Mädchenarbeit wieder viel stärker herrschende Verhältnisse anstatt das Verhalten einzelner Mädchen in den Blick nehmen muss. Es gilt, sich kritisch mit neoliberalen Diskursen wie den „Alphamädchen“ oder „Mädchen als Bildungsgewinnerinnen“ auseinander zu setzen, um gesellschaftliche Konfliktlinien, Widersprüche und somit Ausschließungsprozesse zur Grundlage/Legitimation der pädagogischen und politischen Arbeit zu machen.
Dabei spielt auch der „innere Auftrag“ der Mädchenarbeiterinnen selbst eine wichtige Rolle. „Feminismus darf für Mädchenarbeiterinnen nicht länger ein Fremdwort sein – ebenso wie die feministische Szene die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Mädchenarbeit wieder für sich entdecken sollte“, so Mitveranstalterin Wiebke Dierkes.
Wie kann es beispielsweise funktionieren, in der Berufsförderung von Mädchen, nicht die Mädchen, sondern auch ein System zu kritisieren? Wie kann sich die Mädchenarbeit finanziell absichern und dabei systemkritisch bleiben? Fragen wie diese ermöglichten die Kooperationen und finanziellen Abhängigkeiten von Mädchenarbeitsprojekten kritisch zu betrachten, um den Begriff der Autonomie neu zu verhandeln. Dabei war es den Netzwerkerinnen wichtig, neue Bündnisse zu denken und sich kritisch gegenüber Neoliberalismus oder Kapitalismus zu verorten. Und hier muss Mädchenarbeit mehr denn je Mädchenpolitik sein, sich einmischen, sichtbar werden und Widerstand leisten.
„Gemeinsam sind wir stark!“
Diese Diskussionen müssen sowohl in den Einrichtungen als auch in einer politischen Öffentlichkeit verankert werden. Es gilt Netzwerke zu stärken - vielleicht auch mal nach Feierabend - Bündnisse herzustellen, um damit innerhalb und außerhalb der Strukturen kritische Perspektiven zu wahren, die sich dem Diktat einer neoliberalen Sozialpolitik entziehen.
Auch hier zeigte sich die Notwendigkeit, kritische Theorien bewusster in den pädagogischen Alltag zu verflechten, um dem Anspruch einer ganzheitlichen Mädchenarbeit gerecht zu werden. Es gilt, Praxis, Politik und wissenschaftliche Diskussionen bewusster zu verknüpfen.
Insgesamt muss sich Mädchenarbeit für diese Diskurse aber Räume zurück gewinnen, die Zeit für eine solche kritische Analyse lassen. Hier verortet sich, nach Meinung der Runde, wohl auch der Generationenkonflikt. Denn auch dieser lässt sich oft verstehen als Produkt fehlender Verständigung oder Verstehens. Hier liegt die Chance durch intergenerative Dialoge, unterschiedliche Positionen kennenzulernen, um gemeinsame Ziele zu formulieren zu lernen. Dabei braucht es vor Ort Räume, die diese Verständigungsprozesse ermöglichen, Selbstverständnisse zu diskutieren und kritische Ideen zu entwickeln.
„Die Perspektive des Wirs ist dabei selbst immer auch kritisch zu befragen. Zum Beispiel danach, von welcher Perspektive aus gesprochen wird, welche Auslassungen und Homogenisierungen vorgenommen werden. Trotz dieses komplexen Unterfangens muss es gleichzeitig Ziel sein, neben Selbstvergewisserungsprozessen auch politisch handlungsfähig zu bleiben, um soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Machtverhältnisse skandalisieren zu können“, so Nicole Lormes, eine Teilnehmerin.
Die besondere Qualität des Treffens lag wohl darin, dass trotz unterschiedlicher Zugänge zum Thema Mädchenarbeit, gemeinsame Ideen und politische Perspektiven entwickelt werden konnten. Dabei ist die Bedeutung von Denkräumen, in einer respektvollen Atmosphäre mehr als spürbar geworden. Denn trotz aller Vielfältigkeit einte uns das Bedürfnis nach Austausch, nach gemeinsamen Positionen und Selbstvergewisserung. Ein Argument, dass damit die Bedeutung und Notwendigkeit von Räumen für Frauen und Mädchen unterstreicht. An dem Gefühl „Gemeinsam sind wir stark!“ wollen wir weiter arbeiten, um damit Netzwerke auszubauen, feministische Mädchenarbeit weiter zu denken sowie Strukturen und Gesellschaft zu gestalten! Und das mit Spaß, Freude und jungfeministischer Energie!
ju_fem_netz
In der weiterhin diskussionsfreudigen Abschlussrunde des diesjährigen Netzwerktreffens einigten sich die Teilnehmerinnen auf folgenden Namen: ju_fem_netz.
Und so findet diese Form der Vergewisserung und des Widerstands eine Fortsetzung: Das nächste Treffen wird vom 2.-4.9.2011 in Darmstadt organisiert. Aktive Fachfrauen der Mädchenarbeit sind herzlich willkommen und können sich über die LAG Mädchenpolitik in Hessen e.V. weitere Informationen einholen oder sich in den Verteiler aufnehmen lassen.
Mehr dazu auf der Internetpräsenz des ju_fem_netz.
Im nächsten Jahr soll an der Formulierung gemeinsamer Positionen sowie einem gemeinsamen Profil gearbeitet werden, die dann ein einem Manifest münden sollen. Das Programm wird wie in diesem Jahr in einem interaktiven Prozess ausgearbeitet und sich an den Erfahrungen und Interessen der Teilnehmerinnen orientieren.
Im Anhang der Aufruf als pdf sowie der Fyler zum selber ausdrucken.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| aufruf_2011.pdf | 87.43 KB |
| flyer_2011.pdf | 45.81 KB |
