Kopftuch(debatte) in der FEG Mainz

Kopftuch(debatte). Dieses Thema wird bereits seit einigen Wochen Monaten gerne mal in verschiedenen Polittalkshows und anderen Medienberichten dramatisiert besprochen. Am letzten Mittwoch war es schließlich soweit, dass auch die FEG (feministsche Einzelkämpferinnnen Gruppe) Mainz sich dieses Themas annahm. Ich selbst hatte mich bereit erklärt, dieses Thema vorzubereiten, und war durch die Mediendiskussion bereits mit einer Menge Information ausgestattet.
Bei meinen Recherchen im Internet bin ich auf eine Vielzahl an subjektiven Quellen gestoßen und musste nach Texten auf kopftuch.info und anderen frauenorientierten Seiten feststellen, dass Maischberger, Will, Jauch, Schwarzer und Co. mich wohl bestenfalls mit fundiertem Halbwissen ausgestattet haben.
Da ich selbst kein Kopftuch trage und auch keine Muslima bin, kam schnell das Gefühl auf, bei einigen Verständnisfragen an meine Grenzen zu stoßen. Hier in Deutschland sollte das allerdings kein Problem sein, denn (meistens) leben Muslima mit und ohne Kopftuch in unserem Umfeld. In meinem Fall brauchte ich mich im Arabischkurs nur umzudrehen und zu fragen. Sofort waren zwei sehr hilfsbereite Kopftuchträgerinnen gefunden, mit denen ich anschließend über eine Stunde lang eine rege Unterhaltung über eben ihre Kopftücher führte.
Jetzt fühlte ich mich vorbereitet, und noch mehr freute ich mich, als sich eine Gruppe Muslima für den Abend in der FEG ankündigte.
Schließlich saßen wir da. 6 Muslima und 9 feministische Einzelkämpferinnen, 15 Frauen im Frauenzentrum Mainz.

Zunächst einmal wurden die Wos und Was geklärt- also Burka, Niqab, Tschador, Hidschab und wo frau was trägt. Dann wo steht was dazu im Koran. Schließlich die verschiedenen Beweggründe der Muslima in unserem Kreis, die dazu führten ein Hidschab zu tragen und wie alt sie waren als sie diese Entscheidung getroffen haben.
Alle anwesenden Muslima waren in ihren Teens, als sie begannen ihre Haare zu bedecken. Sie hatten sich vorher mit ihrem Glauben beschäftigt und betonten wie wichtig es sei, dass dieser Prozess durchlaufen wird, denn alles andere sei nicht mit ihrem Koranverständis zu vereinbaren.

Das Kopftuch ist für sie ein religiöses, keine politisches Zeichen.

Es dient ihnen um ihre Hingabe für Allah nach außen zu zeigen, deutet damit auch auf ihre Sexualmoral, die Keuschheit bzw. Treue zu ihrem Ehemann vorsieht.
Der Punkt, dass die Muslima so auch ein Zeichen gegen  die Herabsetzung bzw. Begrenzung der Frau  zum Sexualobjekt in Medien und Werbung setzen, stieß bei vielen Feministinnen auf offene Ohren. Lange schon reift der Ärger über das Übermaß an „Sex sells“ Strategien der Werbefachmännerleute.
Hier fragt sich Frau ob es sich vielleicht sogar lohnt ein Kopftuch als nicht Muslima zu tragen. 
Ist das Kopftuch letztendlich sogar pro Feminismus?

Nach dem die Grundlagen gegeben wurden und mit gewissen Vorurteilen bzw. falschen Informationen (Nein, Mohammed war nicht pädophil, auch Männer haben Kleidungsvorschriften und das mit 71 Jungfrauen ist auch anders gemeint als das Terroristen gern behaupten) aufgeräumt war, kamen wir auf das „Kopftuchverbot“ zu sprechen.
Auch hier musste erst genauer definiert werden. Burkaverbot wie in Frankreich, Kopftuchverbot für Lehrerinnen in Deutschland, und was genau fordert Frau Schwarzer da eigentlich?
Gegen das Burkaverbot gab es keine Wortmeldungen. Nachdem alle einen Blick auf die Bundesländer, in denen Lehrerinnen kein Kopftuch tragen dürfen, warfen, herrschte allgemeiner Unmut über die derzeitige Gesetzeslage. Warum darf eine Muslima keine Kopftuch tragen, eine Nonne jedoch schon?
Die Trennung von Religion und Staat ist also wünschenswert, wenn die Religion Islam heißt, aber Kreuze mit blutigen Jesusfiguren in bayrischen Klassenräumen sind Kulturgut?
Mit Kopftuch darf ich also putzen gehen, aber nicht unterrichten?
Und Frau Schwarzer wirft mit ihrer Forderung des generellen Kopftuchverbotes für Schülerinnen ebenfalls Fragen auf: In wie fern ist der Zwang, ein Kopftuch abzulegen, wenn frau es eigentlich tragen möchte, besser als der eventuelle Zwang es umzubinden, wenn frau es nicht will? Würde ein Kopftuchverbot an staatlichen Schulen nicht wahrscheinlich eher zur Gründung privater, islamischer Schulen, ähnlich der christlichen Privatschulen, führen? Wäre der Druck für die Mädchen an solchen Schulen sich zu verschleiern nicht noch höher? Inwiefern würde das Parallelgesellschaften entgegenwirken? Und wenn ein „Kopftuchmädchen“ stigmatisiert wird, ist das Problem dann wirklich das Kopftuch oder doch eher schlechte Aufklärung und subtiler Fremdenhass Vorbehalte in unserer Gesellschaft?
Ein Mädchen in der Grundschule sollte, selbst nach Auffassung der Muslima in unserer Runde, kein Kopftuch tragen. Wie sie uns bereits erklärt hatten, ist dies eine Entscheidung, die eine junge Frau nach ausreichender Überlegung für sich selbst zu treffen hat. Ob eine Sieben- oder Elfjährige dazu bereits in der Lage ist, ist zweifelhaft. Wichtig ist auch, dass deutlich im Koran steht, eine Frau solle ihre „Reize“ (manchmal auch mit „Schmuck“ übersetzt) verdecken. Wer an einem präpubertären Kind etwas sexuell reizbares findet, dem möchte ich an dieser Stelle nahe legen, sich bitte in geschlossene Behandlung zu begeben.
Dennoch sahen einige in einem Kopftuchverbot für Grundschülerinnen den berühmten kleinen Finger der schnell zur ganzen Hand, also der Ausweitung auf weiterführende Schulen, führt.

Fakt ist, dass das Kopftuch als Symbol einer Religion mit binärem   Geschlechterverständnis und klarer Rollenverteilung jeder genderqueeren Gleichsetzung widerstrebt. Fakt ist auch, dass sowohl das binäre  Geschlechterverständnis wie auch klare Rollenverteilung im Christentum und damit auch in unserer westlicher Kultur immer noch grundlegend sind.
Ich werde also keiner Queerfeministin, die dies kulturübergreifend anprangert und für keine Religion Toleranz zeigen will, Wind aus den Segeln nehmen können.
Alle anderen könnten doch einmal den Vergleich zu anderen Kleidungsstücken, die in der Geschichte von ihrem eigentlichen Nutzen entfremdet und politisiert wurden, machen. Kaum jemand würde einer Frau heutzutage ihre feministische Einstellung absprechen, nur weil sie einen BH trägt. Das mag einerseits daran liegen, dass diese Dinger mittlerweile angenehmer zu tragen sind, viel mehr glaube ich aber, dass es an dem Erfolgen der Frauenbewegung lag. Die Frauen, die ihren BHs als Sinnbild ihrer Unterdrückung empfanden, verbrannten diese öffentlich - befreiten sich also erst symbolisch. Jetzt wird also dem Kopftuch der Muslima diese unschöne Doppel- bzw. Dreierbedeutung zugemessen. Das „Problem“ bei dem Kopftuch mag darin bestehen, dass ihm erstens bereits eine Symbolik zugemessen wird, nämlich eine religiöse, zweitens sind es vor allem westlich-europäische Personen, die es als „Symbol für die Unterdrückung der Frau“ verstehen wollen. Meine abschließende Frage nach zwei Stunden anregender und guter „Kopftuchdebatte“ war also „Müssen Muslima erst ihre Kopftücher verbrennen, damit sie sie wieder tragen können?“. Die Antwort der Muslima: „Alle Frauen, die es nicht aus freien Stücken tragen, SOLLTEN es sogar!“
Vielleicht vergessen wir in Zeiten der Globalisierung oft, dass das, was wir heute unter Freiheit verstehen, auch nicht immer so war und durchaus nicht vom Himmel gefallen ist. Eine Muslima mag sich für oder gegen ein Kopftuch aussprechen, als Feministinnen haben wir lediglich dafür zu sorgen, dass sie ihre eigene Meinung aussprechen kann.

(Noch einmal vielen Dank and die Frauen der Lajna-Imaillah, die maßgeblich daran beteiligt waren, dass dieser Abend so erfolgreich wurde. Wir haben sie ebenfalls um einen Artikel zu dem Abend gebeten, dieser wird, sobald er fertig ist, auf FemZ veröffentlicht.)

Foto und Text von Kit
 

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