Kritik der Feministischen Einzelkämpferinnen Gruppe (FEG) Mainz
Die FEG Mainz hat sich, aufgrund von bösen Vorahnungen, die momentan in Mainz Station machende Ausstellung "Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen" gemeinsam angesehen.
Schon länger schmückt ein großer roter Stöckelschuh das Stadtbild nähe des Landtags und auch die Werbung lies nicht viel Hoffnung auf eine differenzierte Perspektive.

Quelle des Bildes. Es gibt auch eine animierte Version.
Trotzdem nahmen wir uns vor, möglichst unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Vielleicht setzt die stark sexualisierte Werbung auf den Mythos "Sex sells" und in der Ausstellung wäre dann alles ganz anders?
Schuhreform
Bereits im ersten Bereich wurde die Hoffnung getrübt: Es ging um die Geschichte und die Herstellung von Schuhen. Dort wurde auf die Zeit verwiesen, in der es üblich war symmetrische Schuhe zu tragen - also nicht einen linken und einen rechten Schuh zu haben. Die symmetrischen Schuhe sollten sich - laut Infotafel der Ausstellung - nach und nach dem Fuß anpassen.
Dies war jedoch nicht intendiert: Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass symmetrische Füße als schick galten und sich der Fuß bewusst dem Schuh anpassen sollte - also Fehlbildungen mit den damit zusammenhängenden orthopädischen Problemen erzeugt werden sollten.
Diese Fehlinformation seitens des Museums setzte sich in zahlreichen unzureichenden Informationen und Weglassungen fort.
Die "Reformbewegung" - auf die die Ausstellung verwies, diese jedoch nirgends erläuterte - und die damit zusammenhängende Schuhreform hatte es schwer, mit ihren "Gesundheitsschuhen" gegen die symmetrischen Schuhe anzukommen. Es gab damals mehrere Veröffentlichungen, die die Fehlbildungen durch falsches Schuhwerk dokumentierte. Eines dieser Bücher wurde in einem Schaukasten gezeigt, der hauptsächlich Schuhe für angeborene Fußprobleme zeigte. Lediglich auf einer kleinen Infotafel wurde in zwei Sätzen auf durch "falsches Schuhwerk" hergerufene Fußschäden verwiesen - jedoch nicht auf die den gesamten Körper betreffenden orthopädischen Probleme.
Militär
Ebenso wurden die Zusammenhänge zwischen Militär und Schuhentwicklung nicht ausreichend aufgezeigt. Zwar gab es einen Schaukasten zu "Schuhe als Waffe", der jedoch nicht ausreichte, die Zusammenhänge zwischen Schuhen und der Marsch- und Militärtauglichkeit von Soldaten darzustellen. So wurde z.B. der von der deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg eingesetzte Stiefel (Knobelbecher) nur mit der Information versehen, dass der Stahlbeschlag ein beeindruckendes Geräusch beim Marschieren verursacht, jedoch nicht, dasss dieser bei Schnee und Eis zu Erfrierungen führte.
Politische Schuhe
Es wurden zwei Schuhmarken/-arten vorgestellt, welche laut Ausstellung durch einen politischen Bezug populär wurden, dies jedoch jetzt nicht mehr seien: Chucks (Converse) und Dr. Martens. Wenigstens bei Letzteren hätten wir erwartet, dass der weiterhin bestehende politische Kontext durch die Farben der Schnürsenkel Erwähnung gefunden hätte.
Feminimus
Um all dies besser zu machen, hätte es seitens der Ausstellungsmacher_innen noch kein feministisches Bewusstsein gebraucht, doch lässt sich auch aus feministischer Perpektive viel an der Ausstellung kritisieren:
Absätze, Orthopädie und Alltagstauglichkeit
Das durch hohe Absätze sich Bänder verkürzen, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und diese zu vielen weiteren orthopädischen Problemen führen, sollte inzwischen allgemein bekannt sein. Trotzdem finden sich in der Ausstellung nur zaghafte Andeutungen darauf. Ebenso kann der Zusammenhang zwischen niedrigeren Absätzen und Alltags- und Arbeitstauglicheit nur selbstständig erschlossen werden. In der gesamten Ausstellung findet sich kein einziger klarer Verweis auf durch Stöckelschuhe und dergleichen entstehende Probleme - seien es medizinische oder praktische.
Dafür gibt es mehrere direkte und indirekte Aussagen zur Erotik von hohen Schuhen, zum Ausdruck von Emanzipation durch Pömps usw.
In diesem Zusammenhang verwundert es leider nicht, dass sich kein einziges Beispiel für die chinesische Tradition des Einbindens von Frauenfüßen findet - es wird lediglich an einer unpassenden Stelle (soundso haben das nicht gemacht) in einem Nebensatz erwähnt.
Populäre Designer_innenschuhe
Populäre Designer_innen werde ausschließlich anhand von Damenschuhen mit hohen Absätzen vorgestellt - anscheinend gibt es keine Designer_innen Herrenschuhe.
Mitmach-Laufsteg
Zum Schuhe ausprobieren wurde ein Laufsteg in die Ausstellung integriert, an dessen Ende eine Videoinstallation von weiblichen Models auf Laufstegen gezeigt wurde. Es standen ca. 90% "Damenschuhe" bereit, von welchen wiederum ca. 90% äußerst hohe Absätze hatten. Davon waren vielleicht wiederum höchstens 20% "historisch", also Schuhe, bei welchen das Ausprobieren tatsächlich einen Lerneffekt zu "Wie funktionieren die eigentlich?" haben könnten.
Prädikat: Sexistisch, oberflächlich, unreflektiert
Mit fortschreitender Besichtung wuchs der Ärger der FEG Mainz gegenüber der Ausstellung - es wurde weitestreichend unzumutbar, sich die oberflächliche und unreflektierte Darstellung anzutun.
Für 8,00 € regulären und 5,50 € reduzierten Eintritt war diese unserers Erachtens schlicht viel zu teuer - allein schon aufgrund der Oberflächlichkeit: Wir waren uns einig so gut wie nichts Neues erfahren zu haben.
In der Nachbesprechung bei Kaffee und Kuchen fanden wir nur 1-2 positive Punkte an der Ausstellung. Dafür gab es noch jede Menge weiterer Kritikpunkte und sicherlich ist uns auch Einiges entgangen.
Nach all dieser Kritik jetzt auch noch zu erwähnen, dass es in allen erdenklichen Formen an geschlechtergerechter Sprache mangelte, ist eigentlich überflüssig - genau wie die Ausstellung.
