oder: Maskuli(ni)sten in Mainz
"Handelt es sich wirklich um einen Troll oder ist es nur ein Mensch, der sich mit ungewohnten Gedanken beschäftigt?" Diese Frage stelle ich mir immer, wenn ich im Internet auf komische Kommentare unter Blogs treffe. Wie wahr die Einschätzung "Troll" sein kann, stellte sich heraus, als ich zum Ersten mal in der physischen Welt auf einen Menschen traf, den ich für einen Troll hielt.
Spannend daran auch: Als Feministin im Netz neige ich zu der Einschätzung, dass hinter jedem/r Troll_in ein/e Maskuli(ni)st_in steckt - als wäre Trollen die Guerilla-Taktik eben jener "Bewegung". Das kann ich nicht beweisen und muss ich auch nicht. Doch scheint es anhand des folgenden Beispiels zumindest die Strategie der Anwesenden gewesen zu sein:
Kontext
Am Freitag (26.11.2010) hielt Isolde Aigner auf Einladung des autonomen AStA AlleFrauenreferats Uni Mainz und des Frauenbüros der Stadt Mainz einen Vortrag zu "Männerrechtler_innen".
Der Haifa-Saal des Rathauses war gut gefüllt und es waren - im Verhältnis zu anderen Veranstaltungen des Frauenbüros und/oder des AlleFrauenreferats - viele Männer da. Insbesondere Referentin Isolde Aigner freute das sehr, da sie bereits bei vorhergehenden Veröffentlichungen immer wieder die von ihr positiv konnotierten Männerbewegten mit ins Spiel brachte.
Aigner hielt zunächst einen etwa 20-minütigen Vortrag, ließ dann Raum für Fragen und danach wurden zu verschiedenen Beispielen Arbeitsgruppen gebildet, die dann wieder im "Plenum" besprochen wurden und Raum für weitere Diskussionen bereiteten.
Ich war sehr gespannt, inwiefern Licht in den undurchdringlich wirkenden Dschungel an Vereinen, Kongressen, Foren, Blogs und Kommentaren gebracht werden könne. Aigners Philosophie nach, sieht sie es jedoch nicht als ihre Aufgabe "Verfassungsschutz" zu spielen und die Strukturen und Köpfe zu erarbeiten, sondern Tendenzen innerhalb der Bewegung(en) aufzuzeigen.
So brachte sie gute und fundierte Beispiele für gegenseitige Anreicherungen der Maskuli(ni)st_innen mit der rechten Szene sowie frauenfeindliche und biologistische Äußerungen in Kommentaren und offiziellen Veröffentlichungen usw. Dabei ließ sie jedoch auch die positiven Züge der Bewegung(en) nicht außen vor, so z.B. den durchwachsenen Männerkongress in Düsseldorf, welcher sowohl maskuli(ni)stische Tendenzen aufnahm, als jedoch auch vielen Männerbewegten Raum gab.
Mehr dazu u.a. bei der Wir Frauen.
Maskuli(ni)sten vor Ort?!?
Im Vorfeld des Vortrags gab es von maskuli(ni)stischen Menschen Bedrohungen der Veranstaltung, was zu erhöhter Aufmerksamkeit seitens des AlleFrauenreferats und der Referentin führte. Da ich sowohl die Referentin als auch die AlleFrauenreferentinnen kenne, war ich ein wenig eingebunden.
Wenn's um Kommentare im Internet geht und/oder um Äußerungen aus dem maskuli(ni)stischen Umfeld, ist eine Form von "Nicht ernst nehmen" häufig anzutreffen. So war auch das Frauenbüro wenig besorgt, dass den Kommentaren Taten folgen würden.
Doch sollten die Aufmerksamkeit-Zollenden Recht behalten. Vor Beginn des Vortrags wurden drei Männer bereits als auffällig wahrgenommen, einer dieser wurde als "eventuell Arne Hoffmann" bezeichnet. Doch zunächst:
Was machte sie auffällig?
Bei den auffälligen Personen handelte es sich um zwei nebeneinander sitzenden weiße Männer "über 40", wovon einer Arne Hoffmann ähnelte, und einen jüngeren Mann "unter 30", von dem ich anfangs nichts weiter sagen konnte, als dass er komisch wirkt.
Derjenige der Arne Hoffmann ähnelte, schrieb im Verlauf der Veranstaltungen laufend mit - seien es Äußerungen aus dem Publikum oder von Isolde Aigner. Wenig erstaunlich, dass dieser übermäßige Fleiß im Zusammenhang mit Ähnlichkeiten und Bedrohungen im Vorfeld, nicht gerade einen freundlichen Eindruck machte.
Die beiden älteren Männer brachten im "Plenum" keinerlei Wortbeiträge, so dass sich der Verdacht nicht erhärten ließ. Der Jüngere beteiligte sich durchaus:
In verdeckter Mission?
Fragender Aussenseiter oder Troll?
Bei vielen Vorträgen mit Diskussionen ist keine Vorstellung à la "Ich bin wichtig, weil [Funktion, Verein, etc.]" bzw. "Mein Name ist.... Ich bin da und da aktiv." üblich. Eine poltische Zuordnung ist in der Regel trotzdem möglich, da Aussagen getan werden, die a) nachvollziehbar sind b) Positionierungen enthalten und c) zum Thema passen.
In Blogs und Foren wird von "Troll_innen" gesprochen, wenn a), b) und/oder c) nicht der Fall sind. In der physischen Welt gibt es dafür allerhöchstens einen geschäftordnungsgemäßen Ordnungsruf, der jedoch bei offenen Veranstaltungen nicht üblich ist. Es ist selten leicht - auch im Internet - Troll_innen zu erkennen, da diese immer verdeckter arbeiten: U.a. wird häufig mit dem Eindruck gespielt, die trollende Person wäre zugänglich für Argumente etc., so dass die Bereitschaft seitens der Anderen steigt, einem Bildungsauftrag nachzukommen (der im direkten Zusammenhang zu "If you don't educate me, how can I learn?" steht).
Meine Aufmerksamkeit erregte der Jüngere erst wieder, als wir zusammen in einer Arbeitsgruppe saßen. Er stellte sich als Heiko vor (glaube ich) und somit nenne ich ihn fortfolgend so, damit ich nicht andauernd "der Jüngere" schreiben muss. Wir waren zu viert, drei Frauen und ein Mann. Heiko war in der Runde der Einzige, der mir nicht vorher bekannt war.
Heiko wirkte auf mich in seiner Art der Kommunikation unangenehm. Dafür zwei Beispiele:
- Als wir zusammenfassten, was dem Plenum präsentiert werden sollte, kam an einem Punkt von ihm ein "Schreib das auf!" in einem Befehlston, der unter den anderen Beteiligten nicht üblich war.
- Zum Ende der Arbeitsgruppe merkte eine Frau an, dass er jeder Beteiligten ins Wort gefallen war und dass er der Einzige war, der dies getan hatte.
Ich würde seine Kommunikationsweise als patriarchal bezeichnen.
Hinzu kamen Fragen und Beiträge, die nicht gerade einen reflektierten Eindruck machten, jedoch ebenso im patriarchalen Duktus mit "Das ist so!" formuliert waren. Zu diesen Beiträgen zählten:
- Jungen werden (im Gegensatz zu Mädchen?) weder in Schule noch im Elternhaus auf die Welt vorbereitet.
- Sich in einem Forum "Potentieller Vergewaltiger" zu nennen ist nicht irrational/falsch.
- Er bezweifelte, dass es sich bei Männern um eine heterogene Gruppe handelte.
- Er setzte an, über Feminismus diskutieren zu wollen (nicht Thema der AG).
Alles in allem, hätte es sich schlicht um einen Neueinsteiger in diese Themen handeln können. Doch gesellte sich Mimik und Gestik dazu, die mit "selbstherrlich" freundlich beschrieben ist.
Die Frage ist, ob es sich bei Heiko um einen Maskuli(ni)st in "verdeckter Mission" handelte? Es war eben nicht der Fall, dass er sein Schlachtross sattelte, um die Sache des Maskuli(ni)mus zu retten und dies eindeutig voran trieb, sondern er blieb in einem grauen Bereich, der die Vermutung zuließ, dass er mit echtem Interesse teilnahm.
Annahme und Reaktion
Ob es sich um einen Troll handelt, ist geradezu unmöglich zu beweisen - sowohl im physischen als auch im virtuellen Raum. In jedem Raum bleibt nur die Unterstellung und eine darauf zurückführbare Reaktion.
Im Plenum kam es irgendwann zu einem Beitrag von Heiko, der darauf hinauslief, jetzt mal über "Werte" zu diskutieren - wiederum so formuliert, dass eine Diskussionsoffenheit und ein Wissensbedarf vermutet werden konnte. Tatsächlich gingen ca. drei weitere Beiträge darauf ein und verließen damit das Thema des Abends.
Ich machte mir daraufhin einen Teil der virtuellen Diskussionskultur zu Nutze, warf ein "Don't feed the trolls" in die Runde und ging auf einen anderen Diskussionsbeitrag ein. Nach kurzer Rückfrage von Heiko, was dazu bedeuten habe und meiner Antwort "Dass ich Dich für einen Troll halte" funktionierte die Rückführung zum Thema ganz gut - auch weil wir uns dem Ende der Veranstaltung näherten.
Wären nicht Berichte im Nachhinein erschienen, hätte ich nicht sagen können, ob ich richtig lag. Ich hätte jetzt Einschätzungen schreiben müssen, ob z.B. Heikos gefasste Reaktion auf den Troll-Vorwurf ein Indiz dafür sein kann, dass er genau das war.
Bestätigung im Nachhinein
Anlässlich des Mitschreibens des Gewinners im Arne-Hoffmann-Ähnlichkeitswettbewerb, googelte ich am nächsten Morgen nach Berichten zur Veranstaltung und wurde fündig:
Arne Hoffmann (auf seinem Blog, kein Link, schlicht googeln) berichtete von seiner Teilnahme an der Veranstaltung zusammen mit Eugen Maus (die beiden älteren Männer also). Ebenso wird Heiko als "unter (sic) Bekannter von links hinten zu Wort" bezeichnet (diese Formulierung wird bezgl. keiner anderen Person verwendet, die häufiger im Text auftaucht).
q.e.d. - Doch wie gehen wir in Zukunft damit um? Was machen wir Feminist_innen mit Troll_innen in der physischen und virtuellen Welt? Was halten wir von einer derartigen Guerilla-Taktik? Wie nehmen wir fragende Aussenseiter_innen nicht in Sippenhaft? Wie lässt sich das gesamte Problem nach "What you did? und What you are?" besser formulieren (Schwäche meines Textes)?
Ich freue mich auf Antworten anderer Webseiten und Blogs, die ich hier verlinken kann (E-Mail mit Link bitte!). Ebenso stelle ich gerne Platz für Gedanken von feministischer Seite hier zur Verfügung.
Ironisches P.S.
Anlässlich der "Wir wurden nicht erkannt"-Rumheulerei, u.a. im Blog von Arne Hoffmann, hier mein "Das kann ich auch"-Beitrag:
Wer mag denn wohl die "stämmige Matrone mit einem lila Filzhut" gewesen sein? Ich hätte ja von Eugen Maus mehr erwartet...
Screenshot aus dem Masku-Forum wgvdl.
